Elektronische Gesundheitskarte: Ab 1. Januar gilt die E-Card – doch die Skepsis bleibt

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Nun steht es also fest: Ab 1. Januar 2015 gilt nur noch die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Die alte Krankenversichertenkarte (KVK) ohne Foto hat dann endgültig ausgedient. Darauf haben sich Ärztevertreter und Krankenkassen nach langem Gezerre geeinigt. Doch beim Projekt E-Card läuft längst noch nicht alles rund. Und auch die eGK-Kritiker bleiben nicht stumm. 


Lange Zeit kursierten verwirrende Informationen zur Gültigkeit der alten und der neuen Versichertenkarte. Bereits im vergangenen Herbst hatte der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV-Spitzenverband) die Nachricht verbreitet, ab 1. Januar 2014 würde nur noch die elektronische Gesundheitskarte gelten. Von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), der Interessenvertretung der niedergelassenen Ärzte, war hingegen Folgendes zu hören: Patienten könnten beim Arztbesuch so lange ihre alte Krankenversichertenkarte benutzen, bis deren Gültigkeitsdatum abgelaufen sei. Die widersprüchlichen Informationen hatten bei vielen Versicherten zu großer Verunsicherung geführt.

Nun herrscht Klarheit: Ab dem kommenden Jahr müssen gesetzlich Versicherte beim Besuch in der Arztpraxis eine elektronische Gesundheitskarte vorzeigen. Wer das neue Chipkärtchen noch nicht hat, wird zwar trotzdem behandelt, allerdings muss er dann innerhalb von zehn Tagen eine eGK nachreichen. Ansonsten kann der Arzt eine Privatrechnung schreiben, die der Patient erst einmal aus eigener Tasche bezahlen muss. Er bekommt das Geld aber zurück, wenn er sich bis zum Ende des entsprechenden Quartals eine eGK besorgt und diese nachträglich vorlegt. 

Noch nicht alle der rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten in Deutschland sind im Besitz einer eGK. Genauer gesagt sind es rund acht Prozent, also gut fünf Millionen Bundesbürger, die noch nicht mit der neuen Chipkarte ausgestattet sind. Das hat eine aktuelle Versichertenbefragung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung ergeben. Derzeit werden laut KBV noch rund 13 Millionen ambulante ärztliche Behandlungen über die alten Karten abgewickelt.

Flächendeckend eingeführt ist die E-Card also noch nicht. Ihre Kritiker rechnen deshalb mit massiven Problemen in den Arztpraxen, wenn dort ab 1. Januar nur noch das neue Kärtchen vorgelegt werden darf. „Das Chaos ist damit vorprogrammiert. Viele unserer Patienten sind überfordert. Sie haben jetzt schon drei bis vier Karten und kommen jedes Mal mit einer anderen“, sagt Dr. Silke Lüder. Die Hamburger Allgemeinärztin ist Sprecherin des Aktionsbündnisses „Stoppt die e-Card“. Im Übrigen, betont Lüder, gebe es Hunderttausende gesetzlich Versicherte, die aus politischen Gründen oder aus Angst um ihre sensiblen Gesundheitsdaten absichtlich keine eGK besäßen. Der Widerstand sei ungebrochen. „Bundesweit gibt es Dutzende von Versichertenklagen gegen die E-Card.“   

Der mangelnde Datenschutz ist einer der Hauptkritikpunkte der eGK-Gegner. Bislang kann die E-Card zwar nicht mehr als die alte KVK. Einziger Unterschied ist: Auf ihr ist ein Foto des Versicherten abgebildet. Nach und nach soll die eGK aber mehr Funktionen bekommen. Sie soll künftig als Schlüssel dienen, um persönliche medizinische Daten eines jeden Versicherten abrufen zu können, die in einem zentralen Datennetz elektronisch gespeichert sind. Eine Vision, die Datenschützern die Haare zu Berge stehen lässt.

„Niemand kann diese geplante weltgrößte IT-Infrastruktur mit dem Ziel von Überwachung und Kontrolle des ganzen Gesundheitswesens sicher schützen“, sagt Kai-Uwe Steffens, Informatiker und Sprecher des Arbeitskreises Vorratsdatenspeicherung im Bündnis „Stoppt die e-Card“. „Seit den NSA-Enthüllungen und angesichts ständig neuer Datenskandale muss doch jedem klar sein, dass Medizindaten nicht zentral gespeichert werden dürfen.“

Große Sicherheitsbedenken hat auch der auf Informationssicherheit spezialisierte Informatiker Prof. Hartmut Pohl. Die geplante Speicherung der Gesundheitsdaten von rund 70 Millionen gesetzlich Versicherten auf Internetservern berge enorme Risiken. Trotz Verschlüsselung und Pseudonymisierung gebe es keine sichere Speicherung von Daten im Internet. „Theoretisch kann jedermann von überall auf der Welt auf die Server zugreifen“, sagt Pohl.

Auch viele gesetzlich Versicherte stehen der elektronischen Speicherung ihrer Gesundheitsdaten skeptisch gegenüber. Das zeigt die bereits erwähnte Versichertenbefragung der KBV. Danach finden es 31 Prozent der Teilnehmer „nicht gut“, dass künftig sensible Informationen über ihre Gesundheit in einem Datennetz hinterlegt werden sollen, auf die dann per E-Card zugegriffen werden kann.  

Trotz aller Datenschutzbedenken wird das Projekt elektronische Gesundheitskarte jedoch vorangetrieben. Allerdings läuft das nicht immer reibungslos ab. So sollte eigentlich im Oktober dieses Jahres ein Testlauf starten, um verschiedene Funktionen der E-Card zu erproben, darunter die Versendung des elektronischen Arztbriefes und die Onlineaktualisierung der sogenannten Versichertenstammdaten wie Name, Adresse und Geburtsdatum. Allerdings traten technische Probleme mit den Karten und Kartenlesegeräten auf. Darüber hinaus fanden sich zunächst nur wenige Arztpraxen, die sich freiwillig bereit erklärten, am Testlauf teilzunehmen.

Nun wurde der Start der Erprobung auf das zweite Quartal des kommenden Jahres verschoben. Getestet werden sollen die neuen Funktionen der E-Card in Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz (Testregion Nordwest) sowie in Bayern und Sachsen (Testregion Südost). Die erforderliche Anzahl an Ärzten für den Testlauf sei mittlerweile fast gefunden, sagt Dr. Thomas Kriedel vom Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe. Er ist auf Ärzteseite Ansprechpartner für die eGK-Tests. Allerdings, erklärt Kriedel, seien bei der Suche nach geeigneten Arztpraxen Fehler gemacht worden.

Um zum Beispiel die Versendung des verschlüsselten elektronischen Arztbriefes testen zu können, brauche es Ärzte mit gemeinsamen Patienten, also Praxen und Kliniken, die regional zusammenarbeiten. Und genau dieses Kriterium sei bei der Arztakquise zu kurz gekommen, kritisiert Kriedel. Er nennt ein Beispiel: Für ein Testkrankenhaus im sauerländischen Meschede seien nur zwei Ärzte gefunden worden, die mit der Klinik zusammenarbeiten. Idealerweise müssten aber 20 bis 30 Praxen in einer Region mitmachen, damit der Test aussagekräftig sei, erklärt der Ärztevertreter. Es darf also angezweifelt werden, ob sich mit dem Testlauf wirklich zuverlässig überprüfen lässt, wie die Anwendung der eGK in der Praxis funktioniert.

Mit der Koordination der Testläufe hat die Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (Gematik) – sie ist hauptverantwortlich für die Entwicklung und Einführung der eGK – verschiedene Unternehmen der IT-Branche beauftragt. Sie sprechen sich dann in der Regel mit den jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigungen vor Ort ab. 

Wie bei Mammutprojekten meist der Fall, hat auch das „Unternehmen E-Card“ bereits eine stattliche Geldsumme verschlungen. 1,06 Milliarden Euro haben die Krankenkassen nach Angaben ihres Spitzenverbandes seit 2008 für die Entwicklung und Einführung der eGK hingeblättert. Bis zur kompletten Umsetzung werden vermutlich noch ein paar Millionen Euro obendraufkommen. Eines steht jetzt schon fest: Bevor die erweiterten Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte angewendet werden können, müssen alle bis dato ausgegebenen Chipkarten noch einmal ausgetauscht werden. Grund ist eine Erneuerung des Sicherheitsschlüssels. 2017 soll es laut GKV-Spitzenverband so weit sein. Einen dreistelligen Millionenbetrag, so schätzen die Krankenkassen, könnte der Austausch kosten.

Jul 10, 2014, 10:18:40 AM, Autor: Sarah Knoop / durchblick gesundheit Oktober–Dezember 2014