Übertherapie bei Prostatakrebs?

„Aktives Beobachten ist auch eine Form der Behandlung!“

Prostatakrebs: Die Angst vor „Übertherapie“ ist unbegründet
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Prostatakrebs ja oder nein? Und wenn ja, was tun? Chemotherapie, Bestrahlung, OP oder abwarten? Die wachsenden Möglichkeiten der Krebsfrüherkennung stürzen Ärzte und Patienten in ein Dilemma: Denn man sieht einem Tumor im Frühstadium nicht an, wie gefährlich er ist.

Neben der erwünschten Wirkung der Früherkennung, das Leben von Menschen zu retten, weil ein aggressiver Tumor noch rechtzeitig bekämpft werden kann, ist auch das andere Extrem Realität: Männer mit einer nicht lebensbedrohlichen Form von Prostatakrebs ruinieren auf dem Leidensweg durch die Therapie ihre Lebensqualität und werden womöglich dadurch inkontinent und/oder impotent. Die Gefahr dieser „Übertherapie“ sollten Männer kennen, die sich für eine Prostatakrebsfrüherkennungsuntersuchung interessieren. Wenn Männer aber akzeptierten, dass auch das Überwachen eines Tumors eine Form der Therapie sei, bestehe die Gefahr der Übertherapie gar nicht, so Dr. Axel Schroeder, Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen (BDU), im Interview mit „durchblick gesundheit“.

PROSTATAKREBS:
Das sollten Sie wissen

Ursachen: kaum bekannt
Studien gibt es viele, gesicherte Erkenntnisse kaum. Kurz: Über die Ursachen und Risikofaktoren von Prostatakrebs weiß man wenig. Die Ernährung könnte eine Rolle spielen. Auch die Sonneneinstrahlung wird als mögliche Einflussgröße diskutiert: In den nördlichen Bundesstaaten der USA gibt es beispielsweise – bei gleichem Anteil Weißer und Schwarzer – weniger Prostatakrebs als in den südlichen. Sicher ist: Der Blutspiegel des männlichen Sexualhormons Testosteron und auch häufiger Geschlechtsverkehr haben keinen Einfluss auf die Entstehung von Prostatakrebs.

Häufigkeit: Jeden Fünften trifft es
Sicher ist aber auch: Unabhängig von Spekulationen über die Ursachen sollte sich jeder Mann mit dem Thema auseinandersetzen: Insgesamt liegt das Lebenszeitrisiko jedes Mannes, einen signifikanten Prostatatumor zu entwickeln, bei 20 Prozent. Und je älter ein Mann ist, desto höher wird das Risiko. Der Krebsstatistik des Robert Koch-Instituts (RKI) zufolge sind Männer in Deutschland bei der Erstdiagnose im Durchschnitt 70 Jahre alt. Zudem ist der Einfluss der Gene bewiesen. Hat zum Beispiel ein Verwandter ersten Grades – der Vater oder ein Bruder – Prostatakrebs, steigt das Lebenszeitrisiko von 20 auf 60 Prozent. Insgesamt ist Prostatakrebs in Deutschland die häufigste Krebserkrankung bei Männern.

Symptome: anfangs keine
Ein wachsender Prostatatumor macht im Frühstadium keine Beschwerden. Und wenn sich Symptome zeigen, die auf Prostatakrebs hindeuten können (aber nicht müssen), wenn zum Beispiel die Prostata oder die Knochen schmerzen, Blut im Urin zu finden ist oder das Wasserlassen beeinträchtigt ist, hat der Tumor oft schon eine kritische Größe erreicht oder Tochtergeschwulste (Metastasen) gebildet. Deswegen spielt die Früherkennung bei Prostatakrebs eine besonders wichtige Rolle.


Herr Dr. Schroeder, was sollten Patienten über die Vor- und Nachteile der Krebsfrüherkennung – Stichwort Übertherapie – wissen?
Wenn wir Prostatakrebs im Frühstadium finden, können wir heilend behandeln. Das ist der entscheidende Vorteil der Früherkennung. Zum Nachteil: Worin soll der Nachteil der Früherkennung denn bestehen – außer vielleicht in der Erkenntnis, dass man Krebs hat? Wir haben heute bei Prostatakrebs verschiedene Behandlungsoptionen – von der aktiven Überwachung über die Operation und die medikamentöse Therapie bis hin zur Strahlenbehandlung. Die Patienten werden ihrem persönlichen Risiko entsprechend individuell behandelt. Der Vorwurf „Übertherapie“ ist daher gar nicht gerechtfertigt. Das mag vor zehn Jahren noch so gewesen sein, als wir davon überzeugt waren, ein Prostatakarzinom gehört entweder herausgenommen oder bestrahlt. Heute behandeln wir wesentlich differenzierter. Nach mehr als 30 Jahren als praktizierender Arzt weiß ich aber auch: Patienten, die sich für Früherkennung interessieren, wollen bei einem positiven Befund auch etwas machen. Und das ist vielleicht ein Punkt, den man den Patienten noch besser verständlich machen muss: Aktives Beobachten ist auch eine Form der Behandlung!

Welche Untersuchungen sind für die Früherkennung von Prostatakrebs sinnvoll?
Jeder Kassenpatient ab 45 Jahren hat einmal im Jahr Anspruch auf eine körperliche Untersuchung. Der Tastbefund der Prostata ist allerdings im Sinne einer Früherkennung unzureichend. Wenn wir tasten, finden wir oft klinisch fortgeschrittenen Prostatakrebs und nicht unbedingt nur Frühstadien.

Wir empfehlen jedem Mann ab 45, zumindest einmal einen PSA-Basiswert bestimmen zu lassen. Je nach Wert können wir heute aufgrund der Erfahrung das Risiko eines Patienten einschätzen und entscheiden, wann er zum Kontrolltest kommen sollte. Wenn der Basiswert hoch ist und eine familiäre Disposition vorhanden ist, sollten sich Männer alle sechs Monate testen lassen, in anderen Fällen nur alle zwei, drei oder fünf Jahre. Ein einziger PSA-Test sagt wenig aus. Entscheidend ist das PSA-Monitoring, der Verlauf über Jahre. Der PSA-Wert signalisiert, ob mit der Prostata irgendetwas nicht in Ordnung ist. Mehr aber auch nicht. PSA ist kein Tumormarker. PSA kann bei Entzündungen, Stauungen oder Blasenentleerungsstörungen ansteigen. Ebenso bei einer gutartigen Vergrößerung der Prostata und auch bei Prostatakrebs. Auf den PSA-Wert allein darf man sich aber auch nicht verlassen. Es gibt Karzinome, die bilden kein PSA. Die Interpretation des PSA-Wertes ist sehr komplex. Deshalb – und das sage ich nicht nur als Präsident des Berufsverbandes der Deutschen Urologen – gehört der PSA-Test in die Hände von Experten, den Urologen. Und auch das sollten Patienten wissen: Zur Einwilligung für einen PSA-Test sollte die Bereitschaft gehören, gegebenenfalls eine Gewebeprobe nehmen zu lassen. Denn ein PSA-Test ohne die Möglichkeit einer späteren Biopsie macht keinen Sinn.

Was ist mit bildgebenden Verfahren, können die einen schonende Alternative für die Früherkennung sein?
Nein, für die gezielte Früherkennung von Prostatakrebs gibt es noch kein brauchbares bildgebendes Verfahren. Die Entdeckungsrate der Ultraschalluntersuchung ist nicht ausreichend. Eine Ultraschalluntersuchung hilft gleichwohl bei der allgemeinen Beurteilung der Prostata. Das Hauptkrankheitsbild ist ja die gutartige Prostatavergrößerung, die jeder Mann ab 50 entwickelt. Neue Kernspinuntersuchungen sind für die Früherkennung auch noch nicht geeignet. Sie helfen aber bei der Beurteilung bereits diagnostizierter Karzinome.

Jul 17, 2015, 11:30:58 AM, Autor: Arnd Petry / durchblick gesundheit Juli-September 2015