Manfred Spitzer im Interview

Krankmacher Smartphone?

Das Smartphone in der Schule bleibt nicht ohne Auswirkung, warnt Spitzer
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Mit seinem Buch „Digitale Demenz“ hat Prof. Manfred Spitzer für Aufsehen gesorgt – nun legt er mit dem neuen Werk „Cyberkrank!“ nach. Darin thematisiert der Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik Ulm die Auswirkungen digitaler Medien auf unseren Verstand – und sogar „die Auswirkungen auf unsere seelische und körperliche Gesundheit insgesamt“.
Das permanente Nutzen sozialer Netzwerke, stundenlanges Surfen und Onlinespiele führen zu Sucht, Depressionen, Angstzuständen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und – vor allem bei Heranwachsenden – zu Konzentrations- und Denkschwächen, warnt Spitzer. Dem „durchblick gesundheit“ hat der Autor Fragen beantwortet und erläutert, was sich beim Umgang mit Handy, Laptop und Co. ändern sollte.




Herr Professor Spitzer, vor allem das Smartphone ist für Sie der digitale Krankmacher Nummer eins. Bei welchen Krankheitsbildern besteht denn ein gesicherter Zusammenhang zur Nutzung digitaler Medien? Ist die oft beschriebene Verbindung zu Unzufriedenheit, Depressionen und Vereinsamung nicht vor allem nur eine statistische und theoretische Beobachtung?
In meinem Buch beschreibe ich keineswegs nur statistische Assoziationen, die ja prinzipiell keine Aussagen über Kausalzusammenhänge zulassen. Vielmehr beschreibe ich neurowissenschaftliche Mechanismen und experimentelle Studien, die beide zu Ursachen klar Stellung beziehen! Wir wissen mittlerweile, dass das Smartphone zu mehr Aufmerksamkeitsstörungen, Schlafstörungen, Depressionen, Unzufriedenheit und Einsamkeit führt. Auch körperliche Erkrankungen wie Hypertonie, Übergewicht und Diabetes werden begünstigt, Unfälle auch.

Betrachten wir nur ein Beispiel etwas genauer: Mehr als 90 Prozent der jugendlichen Smartphone-Besitzer benutzt das Gerät vor dem Schlafengehen: Facebook, Mails, SMS, WhatsApp, ... Das Blaulicht vom Bildschirm unterdrückt dann die Freisetzung eines Hormons – des Melatonins –, das den Schlaf fördert, und verstellt zugleich die innere Uhr. Dies bewirkt am anderen Morgen mehr Müdigkeit – und so sitzen dann nahezu alle deutschen Schüler in der Schule. Da braucht man nicht sehr viel Phantasie, um sich auszumalen, was das für die Bildung dieser jungen Leute bedeutet. Wenn man nun noch weiß, dass die Bildung eines Menschen der wichtigste Faktor für dessen Gesundheit ist – noch vor Normalgewicht, Sport, Nichtrauchen und Nichttrinken – dann wird die Tragweite dieser simplen Nebenwirkung deutlich.

Zivilisationskrankheiten wurden schon immer beklagt. Ende des 19. Jahrhundert zum Beispiel die Nervenschwäche „Neurasthenie“, als deren Ursachen unter anderem technische Errungenschaften wie die Dampfkraft, die Telegrafie und die regelmäßig erscheinende Zeitung angesehen wurden. Ist die zunehmende Digitalisierung unseres Leben da nicht eine zu pauschale, aber eben zeitgemäße Erklärung für notwendige Verhaltensweisen, wie zum Beispiel Essen, Putzen oder Einkaufen, die krankhaft aus dem Ruder laufen können, wenn bei den Betroffenen entsprechende Anlagen vorhanden sind?

Da bin ich anderer Meinung: Aussagen wie „So schlimm wird es schon nicht sein“, „Vor der Eisenbahn hat man auch gewarnt“, „Die moderne Technik gibt es nun einmal“ oder „Das machen doch alle“ sind dumme Ausreden! Ich zeige in meinem Buch anhand neuester Ergebnisse: Die Auswirkungen sind verheerend. Und zu den anderen dummen Einwänden sage ich: Manche technischen Fortschritte hatte furchtbare Effekte, die erst nach Jahrzehnten entdeckt wurden: Als radioaktive Strahlen entdeckt wurden, hat man sich auf Partys gegenseitig durchleuchtet, die Entdecker starben Jahrzehnte später an Krebs. Und zu den letzten beiden Ausreden: Diese Technik fällt nicht vom Himmel. Wir KAUFEN sie, mit unserem privaten Geld und mit öffentlichen Mitteln. Und im guten Glauben, dass sie zum Beispiel in der Schule dem Lernen nützen. Studien zeigen jedoch, dass dies nicht der Fall ist: WLAN im Klassenzimmer schadet dem Lernen. Das sollten die verantwortlichen Schulleiter und Kultusminister wissen!

„Erwachsene mit ihrem vollentwickelten Gehirn können einem Suchtstoff oder einer Verhaltenssucht widerstehen, Kinder nicht. Sie werden durch digitale Informationstechnik angefixt“, schreiben Sie. Was schlagen Sie vor, damit Heranwachsende einen gesunden Umgang mit Handy, Laptop und Co. lernen? Welche Coping-Mechanismen helfen gegen digitalen Stress? Wann ist bei der Nutzung digitaler Medien für Kinder, Jugendliche und Erwachsene das gesunde Maß überschritten?
Der Umgang von Kindern und Jugendlichen mit digitaler Informationstechnik ist nicht gesund! Daraus folgt, dass man sie davor schützen muss! Die Dosis macht das Gift! Wir Erwachsenen sollten damit aufhören, einer übermächtigen Lobby jeden Unsinn zu glauben, den sie in die Welt setzt: Digital macht nicht schlau, sondern dumm! Computer in der Schule stören das Lernen, Handys auch. Wer zu Weihnachten eine Playstation verschenkt, der muss wissen, dass er schlechte Noten und Schulprobleme verschenkt. Wenn der „Spiegel“ vor einem knappen Jahr schrieb „Spiele machen klug“, dann war das einfach gelogen! Was mich ganz optimistisch stimmt: Das Jugendwort des Jahres 2015 – Smombie – zeigt, dass die jungen Leute begriffen haben, dass das Smartphone bei übermäßiger Nutzung dazu führen kann, dass jemand zu einem willenlosen und seelenlosen Menschen (Zombie) werden kann. Nach einer Studie vom Oktober 2015 geben 48 Prozent der 8- bis 14-Jährigen an, dass sie das Smartphone bei den Hausaufgaben ablenkt, 25 Prozent sagen, es nervt bei der Kommunikation und 20 Prozent geben an, dass sie durch das Gerät in der Schule schlechter geworden sind. Das sollte uns Erwachsenen zu denken geben! WIR müssen uns um die Bildung und Gesundheit der nächs-ten Generation kümmern. Und wir dürfen beides – und damit auch unseren Wohlstand und unsere Zukunft – nicht den Profitinteressen einiger weniger sehr reicher amerikanischer Firmen überlassen. Das ist verantwortungslos!

Feb 2, 2016, 10:59:56 AM, Autor: Jan Scholz / durchblick-gsundheit Januar-März 2016