Zweifel am Konzept des Hirntods

Matenaer: Esoteriker verhindern Organspenden

„Zweifel am Hirntod: Wie Esoteriker Organspenden verhindern“: So lautete der Titel des Vortrags, den der Schmerztherapeut und Palliativmediziner Dr. Benedikt Matenaer, aus Bocholt (NRW) kürzlich auf der Tagung der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) in Hamburg gehalten hat. Der änd hat nachgefragt und den Mediziner zum Gespräch gebeten.

Matenaer: Ich vermisse aktive Veranstaltungen in der Ärzteschaft für die Organspende.© privat

Herr Dr. Matenaer, Sie haben auf dem GWUP-Kongress die Esoterik-Szene für die geringe Organspendebereitschaft mitverantwortlich gemacht. Bitte erklären Sie Ihre Behauptung.

Ich habe die These aufgestellt, dass die Esoterik-Szene durch das Verbreiten von pseudowissenschaftlichen Behauptungen Zweifel am Konzept des Hirntods streut und so die Organspendebereitschaft in Deutschland negativ beeinflusst. Die Hirntoddiagnostik gehört zu den sichersten Diagnosen und ist international seit Jahren im Kern unumstritten. Weltweit wurde bislang kein Fall von korrekt durchgeführter Hirntoddiagnostik und nachfolgender Besserung der Hirnfunktion publiziert.

Gleichzeitig gibt es kaum einen breiteren gesellschaftlichen Konsens als die grundsätzlich positive Bewertung der Bereitschaft zur Organspende. Trotzdem steht Deutschland im internationalen Vergleich bei durchgeführten Organspenden eher auf den hinteren Plätzen. Dies kann nur bedingt durch die jüngsten Skandale um manipulierte Organvergaben erklärt werden, denn auch in den Jahren davor war die Spendenzahl in Deutschland eher unterdurchschnittlich.

Worauf stützen Sie Ihre These?

Auf Beobachtungen aus der sogenannten Nahtod-Szene und aus dem Bereich der Anthroposophischen Medizin. Beides zähle ich ganz klar zur Esoterik-Szene, auch wenn die Anthroposophen als Gruppe eigenständig organisiert sind. Die Anthroposophen haben beispielsweise vor anderthalb Jahren in Ihren Fachblatt „Merkurstab“ ein Schwerpunktheft zum Thema Hirntod und Organspende herausgegeben. Da schreibt ein Kardiologe über den medizinischen Sachverhalt oder eine Therapeutin über die Begleitung von Empfängern. Wenn man diese Sammlung von Artikeln unvoreingenommen liest, wird man am Ende wohl keinen Organspendeausweis ausfüllen beziehungsweise, wenn man einen hatte, vermutlich zerreißen.

Die Thematik wird dort zwar teilweise auch mit richtigen Fakten und aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet. Die Gesamtbewertung ist aber eher negativ, die Auswirkungen auf den Sterbeprozess werden als so risikoreich beschrieben, dass Sie hinterher sagen: Nee, lieber nicht! Das ist meine These. Die kann ich natürlich nicht beweisen, weil ich das Heft nicht 1000 Leuten, die ein gleiches Informationsniveau hatten, zum Lesen gegeben habe, und folglich auch nicht untersucht habe, wer davon einer Organentnahme zustimmen würde und wer nicht.

Die Organentnahme beendet nach Ansicht der Anthroposophen den Sterbeprozess abrupt und hat damit potentiell Folgen für die „nachtodliche“ Entwicklung des Verstorbenen und wirkt sich negativ auf sein „Karma“ aus. Die vorgebrachten Argumente sind hanebüchen und dienen eher dazu, Ängste zu schüren und den Entnahmevorgang zum Horrorszenario werden zu lassen. Man glaubt beispielsweise, dass sich Charaktereigenschaften des Spenders auf den Empfänger übertragen können. Da werden dann Patientenfragen diskutiert wie „Werde ich mit einem Männerherzen noch wie eine Frau lieben können?“ oder „Kann es sein, dass ich das Herz eines hartherzigen Menschen bekommen habe, denn ich fühle gar nichts mehr?“. Das ist alles ausgesprochener Unfug und macht am Ende den Menschen doch nur Angst, außer man würde sich klar positionieren und entgegnen, das empfinden Sie jetzt vielleicht, der gesamte Ablauf der Transplantation hat Sie sicher sehr mitgenommen und wird Sie auch möglicherweise verändern, aber machen Sie sich keine Sorgen, so etwas gibt es nicht.

Ähnlich ist das Bild in der Nahtod-Szene. Nahtod-Erlebnisse sind komplexe psychische Phänomene, die auftreten, wenn Menschen schwer hypoxisch geworden sind, wenn sie beispielsweise reanimiert worden sind. Diese Menschen beschreiben Erlebnisse wie außerkörperliche Erfahrungen oder Glücksgefühle. Das ist über die Hypoxie und die Abläufe in einem Gehirn, das ums Überleben kämpft, gut erklärbar. Die Nahtod-Szene behauptet allerdings, dass diese Phänomene stattfinden, wenn das Gehirn nachweislich ohne elektrische Aktivität ist. Das ist eine haltlose Behauptung, die nirgendwo belegt ist. Daraus folgt aber: Wenn man bei einem funktionslosen Gehirn ein Bewusstsein haben kann, wo kommt das Bewusstsein dann her?

Nach Ansicht der Szene haben wir ein außerkörperliches, kosmisches, endloses Bewusstsein. Das Gehirn ist demnach nicht der Sitz des Bewusstseins sondern – ähnlich einem Radiogerät – nur der lokale der Empfänger dieses kosmischen, endlosen Bewusstseins. Auch das ist großer Unfug. Die Ansicht erfreut sich aber großer Beliebtheit. Denn das bedeutet ja, wenn jemand stirbt, ist er nicht wirklich tot. Das alles wird pseudowissenschaftlich mit Argumenten untermauert. Vor allem der Niederländer Pim van Lommel, ein pensionierter Kardiologe und Buchautor, tut sich hier hervor.

Dieses Postulat vom endlosen Bewusstsein hat natürlich Konsequenzen für Transplantationen. Die Betroffenen würden dann ja das „Ausschlachten“ des eigenen Körpers wahrnehmen. Ganz zu schweigen davon, wie dies das endlose Bewusstsein verändert. Van Lommel schürt aber noch weitere Ängste, indem er das Phänomen, dass sich die Körper der Hirntoten bei der Organentnahme bewegen – man schneidet irgendwo rein und dann gibt es einen spinalen Reflexbogen -  instrumentalisiert. Das Phänomen ist bekannt. Deswegen werden Hirntote zur Organentnahme ja auch relaxiert. Das wiederum wertet van Lommel als Abwehrreaktion auf die Organentnahme und fragt „Welcher Leichnam braucht denn eine Narkose?“ Schlimm ist, dass Volkshochschulen, Familienbildungsstätten, aber auch teilweise medizinische Institutionen aus dem Bereich der Palliativmedizin Vertretern dieser Szene eine Plattform bieten.

Was erwarten Sie von der Ärzteschaft? Wie sollten Hausärzte reagieren, wenn Patienten solche Thesen vertreten?

Ich vermisse aktive Veranstaltungen in der Ärzteschaft für die Organspende. Eigentlich müsste in jeder Praxis ein Organspendeausweis liegen und die Helferinnen und auch die Ärzte müssten die Stammpatienten darauf ansprechen. Anstatt die Patienten alle zwei Jahre durch die Krankenkasse anzuschreiben, könnte es eine feste ärztliche Beratung zum Thema geben, die auch mit einer Gebührenziffer verbunden ist.

Andere Möglichkeiten sehe ich zum Beispiel darin, gemeinsam mit den Ärztekammern zu dem Thema Veranstaltungen in Schulen zu organisieren und Schüler ab Klasse 10 über die Organspende zu informieren. Es wäre auch wünschenswert, wenn die Ärzteverbände die Rhetorik der Anthroposophen mal deutlicher angehen würden. Das traut sich keiner, wie bei der Impfskepsis, bei der die Anthroposophische Medizin auch kräftig mitmischt, siehe Masern, was ein Zeichen dafür ist wie gut diese Szene vernetzt ist. Ich glaube, da wäre mehr möglich.

Vereinigte Skeptiker: die GWUP

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften e.V. (GWUP) ist ein als gemeinnützig anerkannter Verein, dessen mehr als 1.400 Mitglieder sich für Wissenschaft und kritisches Denken engagieren. Gegründet wurde die GWUP 1987. Damit ist sie die älteste und größte Skeptiker-Organisation im deutschsprachigen Raum. Ihr Sitz ist in Roßdorf bei Darmstadt. Viermal im Jahr gibt die GWUP den SKEPTIKER heraus, die Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken. Mehrere GWUP-Regionalgruppen sind in vielen Regionen Deutschlands aktiv und organisieren Vorträge, Führungen sowie Aktionen zu verschiedenen Themen aus der skeptischen Welt. In der GWUP treffen sich Mediziner, Physiker, Biologen, Ingenieure, Professoren, Studenten, Lehrer und viele andere Menschen, die sich für Wissenschaft, Forschung und kritisches Denken begeistern.

Quelle: GWUP



May 16, 2016, 8:39:59 AM, Autor: Arnd Petry