Fazit nach drei Monaten

Terminservicestellen: Kaum Anrufer, aber hohe Kosten

Durch die Terminservicestellen werden weder Geld noch Zeit gespart
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Die Ärzte hatten es vorausgesagt, die Politik wollte nicht hören und bestand trotzdem auf der Einführung von sogenannten Terminservicestellen (TSS). Nach den ersten drei Monaten Betrieb steht fest: Die Terminvermittlung wird kaum nachgefragt, verschlingt aber Unmengen von Geld – Geld, das bei der Versorgung von Patienten sicherlich besser aufgehoben wäre.

Wochen- oder gar monatelanges Warten auf einen Termin beim Facharzt: Damit soll Schluss sein, hatte die Politik öffentlichkeitswirksam gefordert und sich als Instrument die sogenannten Terminservicestellen ausgedacht. Diese vermittelt Patienten, die eine als „dringlich“ gekennzeichnete Überweisung zum Facharzt vorweisen können, seit Ende Januar Termine. Keine Wunschtermine beim Wunscharzt wohlgemerkt – und nur unter genau festgelegten Bedingungen, die das Ganze für die Patienten schon weniger attraktiv machen.

Dass in dringenden Fällen die Terminvergabe sowieso zeitnah funktioniert, das interessierte die Politiker in Berlin wenig. „Wartezeiten auf Arzttermin werden verkürzt“ – so eine Schlagzeile mag sich nun einmal kaum ein Politiker entgehen lassen.

Dass das Interesse der Patienten und damit auch die Nachfrage eher gering sein würden, damit hatten die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen), die in den Bundesländern für die Umsetzung der Berliner Gesetze zuständig sind, gerechnet. Doch wie wenig Anrufer es dann tatsächlich waren, die nach einem Termin fragten, das hat sogar die Fachleute in der Ärzteverwaltung überrascht. Gerade einmal 39 Termine pro Tag werden zum Beispiel in Hessen mit seinen fast 6 Millionen Einwohnern vermittelt.

Zwar rufen mehr Patienten an – aber auch das sind durchschnittlich nur 126 pro Tag. Vielen fehlt aber die Überweisung des Hausarztes: Ohne Überweisung mit Dringlichkeits-Code kann die TSS keinen Termin vermitteln. Die Folge: Rechnet man die Kosten auf vermittelte Termine um, so kostet – in Hessen – jeder Termin 107 Euro. Wohlgemerkt: Dabei handelt es sich lediglich um die Vermittlungskosten. Jeder einzelne Termin, der über die TSS zustande kommt, kostet damit mehr Geld, als der Arzt anschließend für die Behandlung bekommt. Insgesamt, so rechnet die KV vor, verschlingt das Bürokratiemonster TSS im Jahr eine Million Euro.

„Das ist natürlich völlig unökonomisch“, weiß auch der Chef der KV Hessen, Frank Dastych. „Das Geld fehlt uns in der Versorgung von Patienten. Wenn uns nicht die Hände durch den Gesetzgeber gebunden wären, würden wir diesen Unsinn sofort stoppen“, sagt er. Aber die Politik habe, allen Warnungen der Ärzte zum Trotz, auf der Einführung der TSS bestanden – „das rächt sich jetzt“.

Auch in Niedersachsen ein ähnliches Bild: Mit 5.000 Anrufern pro Tag habe man gerechnet,  heißt es dort. Tatsächlich waren es nur 300 – und auch hier könne aufgrund der gesetzlichen Voraussetzungen nur einem Drittel ein Termin vermittelt werden. 4.721 Facharzttermine wurden in den ersten drei Monaten vergeben. Zwar erfülle man die gesetzlichen Vorgaben, aber die TSS sei „ein Produkt, das der Markt nicht braucht“, zieht Mark Barjenbruch, Vorstandsvorsitzender der KV Niedersachsen, Bilanz. „Die Realität sieht so aus, dass sich die Patienten ihren Wunscharzt in ihrer Wunschregion persönlich aussuchen. Sie brauchen keine Terminvermittlung.“ In Niedersachsen werden daraus Konsequenzen gezogen: Eigentlich sollte auch eine Online-Terminvermittlung angeboten werden. Diesen Plan lässt die KV fallen – angesichts der geringen Nachfrage einfach zu teuer.

Bundesweit gab es um die 31.000 vermittelte Termine, hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) ermittelt. „Im Vergleich zu den jährlich mehr als 550 Millionen Behandlungsfällen und über einer Milliarde Arzt-Patienten-Kontakten im ambulanten Sektor ist diese Anzahl sehr gering“, betont KBV-Chef Dr. Andreas Gassen.

Terminchaos bei den Fachärzten
Aber nicht nur die Verschwendung von Geld stößt den Ärzten sauer auf. Die Fachärzte, die extra Termine für die TSS freischaufeln müssen, haben in vielen Fällen das Nachsehen. Sie müssen eine gewisse Zahl von Terminen blocken, die dann über die TSS vermittelt werden könnten. Rufen dort aber weniger Patienten an als erwartet, bleiben die Ärzte auf diesen freien Terminen sitzen. Zwar werden nicht vermittelte Termine in den meisten Bundesländern fünf Tage vorher wieder an die Praxen zur Vermittlung zurückgegeben. Das ist für die Praxen und viele Patienten, die ohne TSS nach einem Termin suchen, aber viel zu kurzfristig.

„Dabei die Übersicht nicht zu verlieren, kostet das Praxisteam Nerven und wertvolle Zeit“, weiß KV-Hessen-Chef Dastych aus eigener Erfahrung zu berichten.  Bei ihm haben sich auch schon aufgebrachte Fachärzte über hohe Ausfallkosten wegen frei bleibender Termine beschwert.

Ein weiteres Ärgernis: Auch wenn sie sich wegen dringender Termine an die TSS gewendet haben, erscheinen längst nicht alle Patienten auch zum vereinbarten Termin. In Nordrhein hat die Kassenärztliche Vereinigung erfasst, wie viele Patienten ihre Termine ausfallen ließen. Von den rund 3.250 Terminen wurden über 370 nicht eingehalten, das entspricht 11,5 Prozent. Darunter sind 190 Fälle, in denen Patienten einfach nicht zum Termin kamen – das sind 190 Termine, die die Ärzte an andere Patienten hätten vergeben können. 

Apr 7, 2016, 9:38:47 AM, Autor: Kathrin Schneider / durchblick-gesundheit Juli–September 2016