Herausforderung Höhen- und Expeditionsmedizin

Ab in die Schneehöhle auf 4.000 Metern

Bei Ulli Steiner dreht sich alles um die Berge: Der in Garmisch-Partenkirchen wohnende Anästhesist ist staatlich geprüfter Berg- und Skiführer. Er arbeitet als Flugrettungsnotarzt in den Alpen und als Expeditionsarzt in den Bergen der Welt. Zudem „quält“ er für die BexMed, die Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin, Ärztekollegen bei Lehrgängen, die an die Grenze gehen. Der änd sprach mit ihm über die medizinischen Herausforderungen des Bergsteigens.

Steiner: "Es gibt ein Curriculum für Ärzte, die sich zum Alpinmediziner ausbilden lassen wollen."
© privat
Herr Dr. Steiner, Sie arbeiten als Flugrettungsnotarzt in den Zillertaler Alpen. Was sind denn die häufigsten Ursachen für Notfalleinsätze? Überschätzen sich viele Bergsteiger?

Im Zillertal geht es bei Alpineinsätzen meistens um Abstürze. Die Leute stolpern, fallen runter und verletzen sich schwer oder sterben. Den alpinen Unfallstatistiken zufolge geht das größte Risiko vom Herzen aus. In rund 30 bis 40 Prozent der Fälle liegt bei den Betroffenen einfach eine Herzerkrankung vor. Die Leute kriegen einen Herzinfarkt. Hinterher heißt es dann, sie seien abgestürzt.

Das Überschätzen ist aber auch ein Thema. Im Handyzeitalter ist das Absetzen eines Notrufs leichter geworden. Viele gehen los mit dem Wissen, dass sie im Notfall einfach mit dem Handy Hilfe rufen können. So passiert es immer wieder, dass wir Leute aus Blockierungssituationen retten müssen, in denen Sie aus Angst vor einem Absturz weder vor noch zurück können. Ich will das gar nicht werten. Es ist mir lieber, wir holen sie als dass sie abstürzen.

Wenn ich eine Bergtour plane, ab welcher Höhe muss ich überhaupt mit Beeinträchtigungen rechnen?

Die so genannte Schwellenhöhe ab der die Höhe für den Organismus spürbar wird, liegt bei 2500 Metern. Wenn man aus dem Flachland anreist und dann mit der Bergbahn auf 2500 Meter hoch fährt, reagiert der Körper mit unbewussten Sofortreaktionen auf den verminderten Sauerstoffgehalt. Herzfrequenz und Atemfrequenz steigen kompensatorisch an. Auch in den Alpen kann man höhenkrank werden. Die lebensgefährlichen Formen der Höhenkrankheit – Höhenhirnödem und Höhenlungenödem – treten in den Alpen aber weit seltener auf wie im Himalaya oder den Anden. In der Schweiz müssen ca. 10 bis 20 Personen pro Jahr wegen Höhenproblemen evakuiert werden. Ohne Flugwetter oder möglichem Abstieg kann man aber auch in den Alpen an einem Höhenhirn- oder Lungenödem versterben.

Sollte ich mich vor einer Bergtour eigentlich vorher bergmedizinisch beraten lassen?

Sinnvoll ist eine höhenmedizinische Beratung, wenn Sie in große Höhen steigen wollen, beispielsweise eine Tour auf den Kilimandscharo planen (5895 Meter hoch, die Red.). Diese Touren werden von den meisten Reiseveranstaltern in einem extrem knappen Zeitsetting angeboten. Die Gesamtreisedauer beträgt manchmal nur sieben bis zehn Tage. In der Zeit ist keine vernünftige Akklimatisation möglich. Dementsprechend ist der Kilimandscharo auch der Berg mit den weltweit meisten Fällen von sehr schwerer Höhenkrankheit.

Besonders wichtig ist eine höhenmedizinische Beratung aber grundsätzlich für Menschen mit bekannten Vorerkrankungen und für diejenigen, die schon einmal höhenkrank waren. Auch ein bestehender Infekt ist auf jeden Fall ein Risikofaktor. Im Rahmen des Gesprächs kann man auch klären, ob der Gesundheitszustand besondere Verhaltensmaßnahmen oder Vorbereitungen für geplante Reise nötig macht.

Es ist momentan Gegenstand umfangreicher Forschungsarbeiten, diejenigen mit einem erhöhten Risiko sicher zu identifizieren. Man hat noch keine richtig guten Parameter gefunden. Körperliche Fitness ist allerdings kein Maßstab. Es ist nicht sicher, ob jemand der trainiert ist und Marathon läuft, besser mit der Höhe zu Recht kommt als ein Untrainierter. In der Höhe am leistungsfähigsten sind diejenigen, die die Höhe gut vertragen und gleichzeitig über eine sehr gute Ausdauerleistungsfähigkeit verfügen.

Wie müsste denn ein sinnvoller Reiseverlauf für eine Kilimandscharo-Tour aussehen? Wenn ich morgen von Hamburg – also von Meereshöhe – aus nach Tansania aufbreche, wann darf ich dann frühestens auf den Gipfel?

Mit insgesamt zwei Wochen Vorbereitung sollte man sehr sicher auf den Gipfel kommen. Als Faustregel gilt, dass man ab der Schwellenhöhe von 2500 Metern die Schlafhöhe pro Nacht nur um maximal 300 bis 500 Meter erhöht. Wenn man sehr gut trainiert ist, kann man auch von 2500 Meter aus 2000 Meter aufsteigen. Man sollte aber unbedingt sicherstellen, dass man zum Schlafen wieder heruntersteigen kann. Es gibt einen englischen Leitsatz, der heißt „Climb high, sleep low“.

Man kann sich aber auch schon zuhause auf Touren in sehr große Höhen vorbereiten, beispielsweise in einer Unterdruckkammer übernachten – oder in einem Zelt, an das ein Generator angeschlossen ist, der den Sauerstoffgehalt reduzieren kann. Das ist aber beides zeitlich sehr aufwändig und für Berufstätige, die am nächsten Tag ausgeruht einem verantwortungsvollen Job nachgehen wollen, eher schwierig umzusetzen.

Wir von der BexMed, der höhenmedizinischen Fachgesellschaft, propagieren, genug Zeit vor Ort einzuplanen und sich dort zu akklimatisieren. Diese Empfehlungen hängen aber letztlich sehr stark davon ab, wie gut jemand mit der Höhe zu Recht kommt und sich akklimatisieren kann.

Um vor Ort helfen zu können, muss ein Arzt auch die körperlichen Voraussetzungen dafür mitbringen.
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Den Mount Everest mit 8.848 Metern haben Reinhold Messner und Peter Habeler 1978 als Erste ohne zusätzlichen Sauerstoff erklommen. Wo liegt die Höhengrenze für derart trainierte Bergprofis? Könnten Menschen auch einen 10.000 Meter hohen Berg ohne Atemgeräte besteigen?

Nein, auf keinen Fall. Wenn man sagen würde „Der liebe Gott hat die Berge gemacht“, dann hat er den Everest bewusst nicht höher gemacht. Damit ist das Ende der Fahnenstange erreicht. Diese Besteigungen ohne zusätzlichen Sauerstoff funktionieren auch nur in der Frühjahrsaison, wenn die Temperaturen und der Luftdruck günstig sind. Das sind dann marginale Unterschiede, die es Menschen möglich machen überhaupt in solche extremen Höhen vorzudringen. Die Sherpas sind aufgrund ihrer genetischen Konstitution scheinbar besser daran angepasst. Es ist bekannt, dass mal ein Sherpa ohne Sauerstoff zehn Stunden auf dem Gipfel des Everest ausgeharrt hat und wieder lebendig herunter gekommen ist.

Anfang August tagte in den USA die International Society for Mountain Medicine. Was sind denn die Fragestellungen, über die in der Szene zurzeit diskutiert wird?

Ich war selbst nicht vor Ort. In der alpinmedizinischen Forschung geht es aktuell wieder um die Therapie des Schädelhirntraumas. Nicht immer können die Patienten schnell mit dem Hubschrauber abtransportiert werden. Bei den Höhlenunfall im vergangenen Jahr hat man ja gesehen, wie lange eine Bergung dauern kann. Die Frage ist, wie solche Patienten am besten gelagert werden sollten und wie man Folgeschäden vermeiden kann. Der beste Umgang mit stark unterkühlten Patienten wird ebenfalls diskutiert. Wie bringt man diese Menschen in die Klinik ohne dass sie einen Bergungstod erleiden? Und welche Überlebenschancen haben Menschen, die man nach einem Lawinenabgang fast ohne Kreislauf ausgräbt?

Ein anderes Problem, das mir am Herzen liegt, ist das Thema Doping im Bergsport. Wenn man sich den Everest anschaut, dann sind es nur wenige Bergsteiger, die dort gar keine Tabletten nehmen. In den USA wird Diamox (Wirkstoff: Acetazolamid, die Red.) gerne zur Prophylaxe der akuten Höhenkrankheit verschrieben. Wir als Fachgesellschaft raten davon ab und empfehlen Medikamente, die es einem erleichtern in die Höhe zu kommen nur für ausgewählte Notfallsituationen, sprich: für Ärzte und Retter, die jemanden in großen Höhen bergen wollen. Abgesehen vom ethischen Aspekt – Stichwort sauberer Bergsport – kann es mit solchen Medikamenten auch schnell gefährlich werden, wenn man aufgrund der Medikamente seine eigentliche Leistungsfähigkeit überschreitet.

Sie führen im Namen der BexMed auch Berg- und Expeditionsmedizinische Fortbildungslehrgänge durch. Was können die Kollegen denn bei Ihnen lernen?

Es gibt ein ganzes Curriculum für Ärzte, die sich zum Alpinmediziner ausbilden lassen wollen. Dabei geht es nicht nur um die Höhenkrankheit sondern um alle Einflüsse, die auf den Menschen im Gebirge einwirken können. Es geht um Unterkühlung und auch um Unfallmuster, die typischerweise im Gebirge auftreten, beispielsweise Steinschläge oder Blitzunfälle.

Um vor Ort helfen zu können, muss ein Arzt aber auch die körperlichen Voraussetzungen dafür mitbringen. Sprich: er muss sich auch im schweren alpinen Gelände sicher selbständig bewegen können, um dort Hilfe leisten zu können. Wir bereiten die Teilnehmer unserer Kurse darauf vor. Wichtig ist, dass die Teilnehmer die Auswirkungen der Höhe am eigenen Leib erfahren. Wir bringen die Kursteilnehmer zum Beispiel in den Westalpen bei Zermatt ohne Akklimatisation auf 4000 Meter Höhe und machen dort Leistungstests mit ihnen. Dabei simulieren wir auch Schlechtwettereinbrüche und lassen sie unter Anleitung eine Schneehöhle graben in der sie ein Unwetter überleben könnten. Das Ziel ist, dass diese Ärzte, wenn sie später Expeditionen begleiten, für die meisten Notfälle gewappnet sind.


Internet:

Steile Welt – die Homepage von Dr. Ullrich Steiner

www.steile-welt.de

Deutsche Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin e.V.

www.bexmed.de

International Society for Mountain Medicine

http://ismm.org

Apr 9, 2016, 12:08:48 PM, Autor: Interview: Arnd Petry