Streit um Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL)

Der Sturm im Wasserglas

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„Kaum Infos zu Selbstzahler-Leistungen – so zocken Ärzte ihre Patienten ab“, mit solchen Schlagzeilen verschreckten die Boulevard-Medien mitten im Sommerloch ihre Leser. Es ging um die Individuellen Gesundheitsleistungen, kurz IGeL – Untersuchungen also, die der Patient beim Arzt aus eigener Tasche zahlen muss. Was steckt hinter der Kritik an den Ärzten? „durchblick gesundheit“ klärt auf.

Peter Pick liebt markige Sprüche. Herr Pick ist Geschäftsführer des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und damit eine Art Sprachrohr des „IGeL-Monitors“. Das von den Krankenkassen finanzierte Onlineportal gibt einmal im Jahr seine Bewertungen ab: Wie sinnvoll sind die in den Arztpraxen als IGeL angebotenen Untersuchungen? Und welchen Nutzen haben sie?

Zu diesem Termin strömen dann Journalisten aus der ganzen Republik nach Berlin und lauschen den Ausführungen des Herrn Pick. Das kann sehr unterhaltsam sein. In diesem Jahr prangerte er die angebliche Geldgier der Ärzte an: Für manchen Facharzt sei IGeLn zum Volkssport geworden, schimpfte Pick. „Die Arztpraxis wird zum Verkaufsraum, in dem ähnlich agiert wird wie bei anderen Händlern.“ Die Information und Aufklärung des Patienten rücke zunehmend in den Hintergrund.

IGeLn um jeden Preis also? Ohne Rücksicht auf das Patientenwohl? Bild-Zeitung und Co. jedenfalls griffen Picks Zitate dankbar auf. Fest steht: Es geht um Geld, auf den ersten Blick um sehr viel Geld. Immerhin rund eine Milliarde Euro Umsatz machen niedergelassene Ärzte in Deutschland mit Selbstzahlerleistungen.

Teilt man diese Milliarde aber durch die Anzahl der in Deutschland ambulant tätigen Ärzte – nämlich rund 165.000 – dann entfallen im Schnitt pro Jahr rund 6.000 Euro IGeL-Umsatz auf jeden von ihnen. Das entspricht bei rund 20 Praxis-Tagen im Monat gerade einmal einem Tagesumsatz von 25 Euro. Wer will da noch ernsthaft das Schreckensbild einer raffgierigen Ärzteschaft an die Wand malen?

Zumal sich auch die Ärzte zunehmend um Transparenz in Sachen IGeL für die Patienten bemühen. „Weil Ärzte eben keine Händler sind und es an Informationen und Erfahrung fehlt, kann es auch zu Fehlverhalten kommen“, räumt Dr. Norbert Panitz ein (siehe Interview). Er ist Vorstand der Ärztlichen Gesellschaft für Gesundheit und Prävention (ÄGGP). Dieser Verband hat einen Ärztekodex und Infoservice erstellt, die helfen sollen, genau dies abzustellen. Zudem geben Kassenärztliche Bundesvereinigung und Bundesärztekammer den Onlineratgeber „Selbst zahlen“ heraus – ein „Begleitheft für Ärzte und Patienten“. Dr. Andreas Gassen, Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, hält denn auch nichts von Pauschalkritik: „Es ist falsch, IGeL unter Generalverdacht zu stellen. Im individuellen Patientenfall können IGeL durchaus medizinisch sinnvoll sein.“

Teile der Politik indes sehen die Kritik des IGeL-Monitors an den Ärzten offenbar als Steilvorlage, die sich prima für den bevorstehenden Bundestagswahlkampf ausschlachten lässt. So ruft die SPD nach einem „Marktwächter Gesundheit“. Der soll für Ordnung im angeblichen IGeL-Chaos in deutschen Arztpraxen sorgen. Konkret soll er die Individuellen Gesundheitsleistungen systematisch beobachten und eingreifen, wenn er Benachteiligungen von Verbrauchern feststellt, so sieht es ein internes Arbeitspapier der SPD-Arbeitsgruppe Verbraucherschutz vor.

Die CDU lehnt so etwas ab: „Patienten können sich auch heute schon umfassend informieren und beraten lassen. Neben dem Arzt des Vertrauens stehen hierfür die Beratungsstellen der Krankenkassen und die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD) bereit“, ließ sich Wolfgang Steiger, Generalsekretär des Wirtschaftsrates der Partei, zitieren. Eine Bewertung der individuellen Angebote durch einen „Marktwächter Gesundheit“ führe zu einer Bevormundung und Entmündigung der Patienten. Außerdem wachse dadurch der Bürokratieaufwand der Arztpraxen, die die Meldungen der IGeL vornehmen müssten, „ohne ersichtlichen Mehrwert für die Patienten“, kritisierte Steiger.

Auch Verbandschef Panitz hält nichts von einer IGeL-Polizei und verweist auf free-med.net. Auf diesem von Ärzten aufgebauten Informationsportal können sich Patienten über die Vor- und Nachteile von mehr als 420 Selbstzahlerleistungen ausführlich informieren – inklusive ausführlicher patientengerechter Beschreibung, Kosten sowie Risiken und Nebenwirkungen.

Die Meinungen gehen auseinander. So unterschiedlich werden Selbstzahlerleistungen bewertet 41 Selbstzahlerleistungen hat der IGeL-Monitor bewertet. 17 Untersuchungen erhielten die Bewertung „negativ“ oder „tendenziell“ negativ“ – der Schaden wird also als größer als der Nutzen bewertet. Bei 15 Bewertungen kamen die Experten zum Ergebnis „unklar“. Hier halten sich die gesicherten Informationen über Schaden und Nutzen in etwa die Waage. Nur drei Untersuchungen bewertet das Portal als „tendenziell positiv“. Auftraggeber des Infoportals ist der Medizinische Dienst, finanziert wird es von den gesetzlichen Krankenkassen.

Doch nicht nur die Kassen wollen die Patienten zum Thema IGeL aufklären. Das Informationsportal free-med.net sieht sich als „Initiative von Ärzten für Patienten und Ärzte“, die ebenfalls für mehr Transparenz sorgen will. Der Begriff IGeL wird hier allerdings konsequent vermieden. Stattdessen ist von freien Gesundheitsleistungen (FGL) die Rede.

Im Folgenden bringen wir eine kleine Auswahl von Selbstzahlerleistungen und die jeweiligen Bewertungen von IGeL-Monitor und free-med.net.

Akupunktur zur Spannungskopfschmerz-Prophylaxe  
Das sagt der IGeL-Monitor:
Werde im Vergleich zu einer medikamentösen Standardtherapie als unklar bewertet. „Die unserer Ansicht nach relevante Frage, wie gut die Akupunktur im Vergleich zu Medikamenten Kopfschmerzen vorbeugen kann, wird in den von uns gefundene Studien und Arbeiten nicht beantwortet. Insgesamt sehen wir deshalb weder Hinweise auf einen Nutzen noch auf einen Schaden der Akupunktur.“
Das meint free-med.net:
Der Wirksamkeitsnachweis sei zwar nicht durch Studien belegt. Dennoch werde die Akupunktur von Experten empfohlen und sei eine echte Therapiealternative. Sie helfe nicht nur bei den von den gesetzlichen Krankenkassen zur Erstattung ausgewählten Indikationen.

Augeninnendruckmessung zur Glaukomfrüherkennung
Das sagt der IGeL-Monitor:
Bewertung sei tendenziell negativ. Es sei unklar, ob die Untersuchung tatsächlich den in Aussicht gestellten Nutzen, Erblindungen zu verhindern, erfülle. „Wir sehen daher keine Hinweise auf einen Nutzen. Daneben sehen wir Hinweise auf einen geringen Schaden, da Schäden, etwa durch unnötige Behandlungen, nicht ausgeschlossen werden können.“
Das meint free-med.net:
Das Ärzteportal empfiehlt, sich „unbedingt dieser Vorsorgeuntersuchung und Früherkennung zu stellen“, da die Zerstörung des Sehnervs unumkehrbar sei. Auch der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands empfiehlt ab dem 40. Lebensjahr eine Glaukomvorsorge alle zwei Jahre und ab dem 60. Lebensjahr eine Vorsorgeuntersuchung alle ein bis zwei Jahre.

Diabetes-Vorsorge (HbA1c-Wert-Bestimmung)    
Das sagt der IGeL-Monitor:
Bewertung sei unklar: „Wir haben keine Studien gefunden, die einen Nutzen zeigen könnten.“ Der Test schneide gleich gut ab wie die direkte Zuckerbestimmung.
Das meint free-med-net:
Experten hätten die Wirksamkeit dieser Untersuchung bestätigt. Daher sei sie empfehlenswert. Der medizinische Nutzen sei nachgewiesen. „Es bestehen keine speziellen Risiken.“

Lichttherapie bei „Winterdepression“
Das sagt der IGeL-Monitor:
„Wir bewerten die Lichttherapie bei saisonaler depressiver Störung als tendenziell positiv: Die ergiebige, aber uneinheitliche Studienlage zum Nutzen lässt zumindest Hinweise auf einen geringen Nutzen erkennen.“
Das meint free-med.net:
„Insbesondere wenn aus unterschiedlichen Gründen (z. B. Bettlägerigkeit) die Möglichkeiten beschnitten sind, sich in den Wintermonaten einer ausreichenden Licht- und Sonnenexposition auszusetzen, erweist sich die Lichttherapie, insb. unter ärztlicher Anleitung und Aufsicht, als antidepressiv.“

PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs
Das sagt der IGeL-Monitor:
Bewertung sei tendenziell negativ, da Überdiagnosen und Übertherapien möglich sind.
Das meint free-med.net:
Ein Wirksamkeitsnachweis sei nicht möglich. „Wichtig erscheint der Hinweis darauf, dass ein einzelnes Testergebnis nicht zu invasiven Aktivitäten führen sollte.“ Mit anderen Worten: Vor einer Gewebeentnahme sollte zur Sicherheit ein zweiter Test erfolgen. Weiterhin sei zu beachten, „dass im höheren Lebensalter die Sinnhaftigkeit des Tests hinterfragt werden sollte“.

Dr. Norbert Panitz, Facharzt und Experte für Selbstzahlerleistungen
„Das Urteil den Ärzten überlassen“

Klären Ärzte ihre Patienten zu wenig auf, wenn es um den Verkauf von Selbstzahlerleistungen geht?
Gerade bei innovativen diagnostischen Verfahren sind Ärzte gesetzlich verpflichtet, Patienten umfassend aufzuklären. Hier mangelt es bisher an einer einheitlichen Grundlage für den niedergelassenen Arzt, abgesehen von den Empfehlungen der Bundesärztekammer. Jetzt liegt mit www.free-med.net eine Online-Enzyklopädie für IGeL und freie Gesundheitsleistungen im Netz vor, mit der die Aufklärung der Ärzte und Patienten erheblich verbessert werden kann.

Wie sinnvoll sind Selbstzahlerleistungen eigentlich?
Es gibt gar keinen Zweifel, dass die rund 450 freien Gesundheitsleistungen sinnvoll sind. Dazu gehören allein 50 unterschiedliche ärztliche Beratungen und 25 zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen, hinzu kommen viele innovative oder alternative Verfahren, 60 medizinisch-kosmetische, allein nahezu 50 psychotherapeutisch-psychiatrisch-psychosomatische Verfahren, über 50 sonografische und bildgebende Verfahren, die nicht von der Solidargemeinschaft getragen werden können. Es gibt nur etwa fünf Leistungen, die in der free-med-Enzyklopädie als nicht empfehlenswert beschrieben werden, wie z. B. die Colonhydrotherapie. Hinter diesen Einschätzungen stehen übrigens die ärztlichen Fachverbände und Experten.

Von derzeit 41 Behandlungen erhielten laut IGeL-Monitor 17 Untersuchungen die Bewertung „negativ“ oder „tendenziell negativ“ – der Schaden wird also als größer als der Nutzen bewertet. Zu Recht?
Die Machart des IGeL-Monitors disqualifiziert diesen für jedwede Orientierung oder gar als Maßstab für eine notwendige oder überflüssige Medizin. Stellen Sie sich vor, Ihr Arzt kommentiert ein Therapieverfahren mit „unklar“ oder „tendenziell positiv“– ich bin mir sicher, Sie würden nur den Kopf schütteln. Überlassen wir das Urteil also den ärztlichen Fachgesellschaften, die die notwendige Kompetenz haben. Auf free-med.net haben zusätzlich auch die Patienten das Wort und bewerten die Leistungen.

 

Jan 10, 2016, 4:10:13 PM, Autor: Marco Münster / durchblick-gesundheit Oktober–Dezember 2016