Probleme mit der Telematik

Wie sicher ist das Ärzte-Internet?

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat einen Traum: Das Gesundheitswesen soll digitaler werden. Und dadurch moderner, schneller und günstiger – so seine Hoffnung. Doch der Weg dahin ist steinig. Das zeigen Probleme von Arztpraxen, die sich schon an das digitale Gesundheitsnetz angeschlossen haben.


Es war ein ganz normaler Vormittag in der Praxis des Internisten Dr. Igor Reitmann: Das Wartezimmer gut gefüllt, auf Reitmanns Terminplan standen eine Handvoll EKGs, einige Sonografien, dazu etliche Routineuntersuchungen. Doch auf einmal ging in der Praxis im beschaulichen Wolfach mitten im Schwarzwald nichts mehr.

Neues Gesetz

Wie Spahn das Gesundheitswesen digitalisiert

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will offenbar als der Minister in die Annalen eingehen, dem es gelungen ist, das deutsche Gesundheitswesen zu vernetzen. Etliche Vorgänger sind in den vergangenen 15 Jahren an dem Mammutprojekt bereits gescheitert. Spahn versucht es mit einer Art Doppelstrategie: Ärzten, die ihre Praxen nicht an das digitale Netzwerk, die sogenannte Telematikinfrastruktur, angeschlossen haben, drohen seit 1. Juli Honorarkürzungen von einem Prozent, ab März 2020 sollen es sogar 2,5 Prozent sein. Dazu plant der Gesundheitsminister ein neues Gesetz – das Digitale Versorgung-Gesetz. In den blauen Kästen nennen die wichtigsten Punkte:


Videosprechstunde: Patienten sollen künftig leichter Arztpraxen finden können, die Videosprechstunden anbieten. Deshalb will Spahn es Ärzten erlauben, auf ihrer Internetseite über ein solches Angebot zu informieren. Neu geregelt werden sollen auch die Voraussetzungen für Online-Sprechstunden: Die Aufklärung durch den Arzt und die Einwilligung durch den Patienten mussten bisher schriftlich oder persönlich erfolgen – künftig soll das auch während der Online-Visite gehen.



„Es war ein Datenfehler und ich konnte keine Patientendaten aufrufen“, berichtet der Internist in einem Video, das er im Internet verbreitete. „Ich konnte die Patienten nicht elektronisch aufnehmen, keine Formulare aufrufen, keine Geräte bedienen – weder EKG- noch Sono-Echo-Gerät, weil alles mit dem Netzwerk verbunden ist. Die Praxis war tot. Ich musste zum ersten Mal meine Patienten nach Hause schicken.“

Solche Videos von frustrierten und verunsicherten Haus- und Fachärzten finden sich derzeit häufiger im Internet. Sie alle haben ihre Praxen an die Telematikinfrastruktur anschließen lassen. Hinter dem Wortungetüm steckt eine Art Internet für Ärzte. An das mussten sich die knapp 180.000 Arztpraxen in Deutschland bis Ende Juni anschließen, so will es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Vernetzungsverweigerern droht er mit Abzügen beim Honorar (siehe Kasten).
Die Telematikinfrastruktur – kurz TI – ist nämlich die Voraussetzung für ein Lieblingsprojekt Spahns: Er will das Gesundheitswesen digitalisieren. Losgehen soll es in zwei Jahren. Dann müssen alle gesetzlichen Krankenkassen ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte zur Verfügung stellen. Die soll unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden und Prozesse beschleunigen: So müssten Patienten für ein Folgerezept nicht mehr in der Praxis vorbeischauen, da der Arzt das Rezept einfach direkt in die Apotheke schicken kann.

Das Projekt ‚Vernetzung‘ läuft reichlich unrund
Doch der Start des Projekts ‚Vernetzung‘ verläuft reichlich unrund. Viele Ärzte zögern. Das Gesundheitsministerium schätzt, dass bis zum Sommer erst rund 110.000 Praxen ans digitale System angeschlossen sein werden. Spahn reagiert gereizt: „Der Patient von morgen wird immer noch einen Arzt brauchen, aber keinen Arzt mehr ernst nehmen, der nur mit Karteikarten arbeitet.“ Mit solch flotten Sprüchen versucht der Minister, die öffentliche Meinung hinter sich zu versammeln. „Die wenigen, die nicht wollen, dürfen nicht darüber entscheiden, wie schnell wir vorankommen.“ Zu viele Ärzte würden die Umstellung scheuen, weil sie Unruhe in die Praxis bringe, etliche seien zudem grundsätzlich skeptisch gegenüber der digitalen Verfügbarkeit von Patientendaten.

Apotheken und Kliniken: Bis März 2020 sollen auch die mehr als 20.000 Apotheken in Deutschland und bis März 2021 die knapp 2. 000 Krankenhäuser an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen sein. So können Daten aus einer Krankenhausbehandlung oder Informationen über Rezepte digital gespeichert und überall abgerufen werden. Hebammen, Physiotherapeuten, Pflegeheimen und Reha-Einrichtungen steht dagegen frei, ob sie sich an die TI anschließen wollen.



Dabei hat die Zögerlichkeit der Ärzte einen triftigen Grund – genauer gesagt zwei Gründe. Da sind zum einen die technischen Probleme, über die viele Praxisinhaber berichten, seit sie an die TI angeschlossen sind. Internist Reitmann aus dem Schwarzwald spricht von Stress, den er durch den TI-Anschluss jeden Tag bei der Organisation seiner Praxis habe. Er sei enttäuscht „über die Unfähigkeit“ der IT-Experten. Das Schlimmste an dem Vorfall vor einigen Wochen sei gewesen, dass er alle seine Patienten habe nach Hause schicken müssen. Hinzu komme die Unsicherheit darüber, ob die Technik künftig reibungslos funktioniert.

Auch Dr. Marcus Schmidt, Hausarzt in Frankfurt am Main, hat seine Praxis an die TI angeschlossen. Sein trauriges Zwischenfazit: Mehrarbeit, technisches Versagen und hohe Reparaturkosten für seine Arztpraxis.

Im Mai legte die TI auch seine Praxis lahm, nichts ging mehr. Schmidt rief bei der Technik-Hotline des Herstellers an, bei dem er seinen TI-Anschluss bestellt hatte. Doch die Mitarbeiter schoben das Problem von sich. Es liege nicht am Konnektor, behaupteten sie. Der Konnektor ist das Herzstück der TI – vergleichbar mit einem WLAN-Router. Über ihn stellen die Praxen die Verbindung zum Datennetz her. Das Problem sei vielmehr Schmidts Praxissoftware, sagten die IT-Fachleute. Darum sei das Ganze auch keine Garantieleistung. Sie schickten dem Hausarzt einen Kostenvoranschlag: 140 Euro plus Mehrwertsteuer sollte er pro Stunde bezahlen, wenn die IT-Experten die Probleme beheben würden. Der Hausarzt rief bei seiner Kassenärztlichen Vereinigung an, wollte wissen, ob das alles mit rechten Dingen zugehe. Doch die bestätigte Schmidts Befürchtung: Er bleibt auf den Kosten sitzen – und damit auch auf allen Rechnungen, die künftig womöglich noch folgen.

Gesundheits-Apps: Patienten, die wegen ihrer Erkrankung besonders auf Bewegung, Ernährung oder regelmäßige Tabletteneinnahme achten müssen, können künftig auf Unterstützung von Apps hoffen. Spahn will, dass Patienten bestimmte Gesundheits-Apps von der Krankenkasse bezahlt bekommen. Die Angebote sollten schnell, aber auch sicher nach festgelegten Kriterien in die Versorgung kommen, so Spahn. Maßstab dafür sollen dabei nicht die hohen wissenschaftlichen Hürden sein, die für Arzneimittel gelten. Stattdessen sollen Apps nach einer ersten Prüfung – auf medizinische Sicherheit, Datenschutz und Nutzerfreundlichkeit – ein Jahr lang verschrieben und von den Kassen vorläufig erstattet werden. In der Zwischenzeit soll der App-Hersteller gegenüber dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) nachweisen, dass die App positive Effekte auf die Gesundheit hat.

Die Sache mit der Sicherheit
Und dann ist da noch die Sache mit dem Datenschutz – oder besser gesagt dem womöglich fehlenden Datenschutz. Zwar versichern sowohl die Politik als auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung fast schon gebetsmühlenartig, wie sicher die TI sei. Das sollte sie auch: Schließlich sollen über das Datennetz irgendwann Arztbriefe und Diagnosen, aber auch Notfalldaten wie die Blutgruppe ausgetauscht werden, alles höchst sensible Daten also. Da könnte ein Datenskandal – etwa durch einen Hackerangriff – das Vertrauen von Patienten und Ärzten schnell nachhaltig erschüttern.

Genau vor einem solchen Hackerangriff warnt Jens Ernst. Der IT-Systemadministrator aus Schwerte in Nordrhein-Westfalen, der sich mit seiner Firma um die IT-Sicherheit in Arzt- und Zahnarztpraxen kümmert, stieß vor einigen Wochen auf reihenweise ungesicherte Praxisnetze.

Von den TI-Zulieferern beauftragte Techniker hatten beim Anschluss der Praxen an die TI einfach die Sicherheitsvorkehrungen – also die Firewalls – deaktiviert. Ernst informierte die Behörden – in der Annahme, dass diese umgehend reagieren würden. Schließlich steht bei der Vernetzung der rund 180.000 Praxen in Deutschland nicht weniger als die Sicherheit der Patientendaten auf dem Spiel.

Doch die Behörden spielten Schwarzer Peter, schoben die Verantwortung hin und her. Bis sie am Ende bei den Ärzten landete. „Die Verantwortung für den richtigen Anschluss obliegt den Ärzten“, sagt der Bundesbeauftragte für den Datenschutz.

Elektronische Patientenakte: Krankenkassen müssen ihren Patienten spätestens ab Januar 2021 eine solche Akte zur Verfügung stellen. Spahn will die Ärzte nun dazu verpflichten, die digitale Akte zusammen mit dem Patienten zu füllen. Neben Untersuchungsdaten wie Blutbild, Röntgenbildern oder Ultraschallergebnissen sollen Patienten auch Impfpass oder das Zahn-Bonusheft digital speichern lassen können. Die Ärzte sollen dafür eine zusätzliche Vergütung erhalten.


Wer also haftet am Ende, wenn es zum Äußersten kommt und sensible Patientendaten womöglich bei kriminellen Hackern landen? Diese Frage beschäftigt Zehntausende niedergelassene Ärzte in Deutschland. Sie sind verunsichert. Noch immer drücken sich Politik und Behörden um eine Antwort.

IT-Fachmann Ernst jedenfalls rät Ärzten, den Stecker zu ziehen: „In der jetzigen Situation gehört die TI nicht in ein Praxisnetz mit Internet-Anschlüssen.“ Jeder Arzt, dessen Praxis an die TI angeschlossen sei, stehe mit einem Bein im Gefängnis und mit dem anderen Bein vor dem Verlust seiner Altersvorsorge. Der Arzt hafte mit seinem Vermögen. Dies habe ihm eine Juristin des Landesdatenschutzbeauftragten bestätigt.

Hausarzt Marcus Schmidt appelliert an die Politik: „Ich bin kein Gegner der Vernetzung. Aber wenn Digitalisierung gelingen soll, müssen wir als niedergelassene Ärzte besser unterstützt werden.“ Derzeit macht die TI ihm und seinen Patienten den Praxisalltag nur unnötig schwer.

durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 



Apr 7, 2019, 3:05:48 PM, Autor: Marco Münster