Bereitschaftsdienst

Im Notfall läuft’s automatisch

Disponenten der Bereitschaftsdienstnummer 116 117 werden bald von einer Software unterstützt
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Patienten, die den Bereitschaftsdienst anrufen, werden bald mithilfe einer Software nach ihren Beschwerden befragt. Die Ersteinschätzung soll so strukturierter und sicherer werden. Auch eine App ist geplant.

Wer sie wählt, dem geht es in aller Regel nicht gut: Die ambulante Bereitschaftsdienstnummer 116 117. Sie ist, wenn man so will, die kleine Schwester des Notrufs 112, der bei akuter (Lebens-)Gefahr sofortige Hilfe verspricht. Die 116 117 ist für all jene Menschen gedacht, die während der Praxisschließzeiten ärztliche Hilfe benötigen oder abklären möchten, ob ein Besuch überhaupt nötig ist – und wenn ja, wie dringend. Doch auch der Kontakt zum Bereitschaftsdienst ist für viele Patienten eine Stresssituation. Jeder wünscht sich in solch einem Moment ein Gegenüber, das Struktur und damit Ruhe ins Gespräch bringt. Die Mitarbeiter der Bereitschaftsdienstzentralen sind darin sehr geübt – und werden bald von einer Software unterstützt. Diese soll die Ersteinschätzung effizienter gestalten und damit sicherer für die Patienten. Entwickelt und erprobt wurde das System in der Schweiz, in Deutschland wird es als Strukturiertes medizinisches Ersteinschätzungsverfahren für Deutschland (SmED) bald an den Start gehen.

Erste Erfahrungen: gut

Als bundesweit erste hat die Bereitschaftsdienstpraxis in Bremen die Arbeit mit der SmED-Software getestet. Die ersten Erfahrungen: positiv. Den Arzthelferinnen am Tresen helfe der „rote Faden“ besonders bei großem Andrang und in stressigen Situationen. Sie fühlten sich sicherer, weil nicht mehr die Gefahr bestehe, dass eine wichtige Frage vergessen werde. Auch die Patienten hätten das System sehr positiv aufgenommen. „Sie fühlen sich besser betreut, weil sich gleich am Anfang jemand Zeit nimmt“, berichtet die zuständige Teamleiterin. Etwa zwei bis drei Minuten dauere die Abfrage von Symptomen, Vorerkrankungen und Ähnlichem.


Zuständig für die 116 117 sind die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), also die Landesorganisationen der Praxisärzte. Sie betreiben die Bereitschaftsdienstzentralen, während für die 112, also die Rettungsdienste, in aller Regel die Feuerwehren zuständig sind. Durch das gerade in Kraft getretene „Terminservice- und Versorgungsgesetz“ werden die Bereitschaftsdienstzentralen kommendes Jahr mit den Terminservicestellen der KVen zusammengelegt – also mit jenen Stellen, in denen man als gesetzlich Versicherter seit einigen Jahren Facharzttermine vermittelt bekommt.

Das Aufgabenspektrum der Mitarbeiter in den Terminservicestellen wird sich damit deutlich erweitern. Die automatisierte Ersteinschätzung soll ihnen helfen, die Dringlichkeit einzuschätzen, mit der Anrufer ärztlich versorgt werden müssen. Höchste Priorität haben Notfälle, die sofort behandelt werden müssen. Es folgen Patienten mit „schnellstmöglichem“ Bedarf, dann solche, die innerhalb von 24 Stunden einen Arzt sehen sollten. Und schließlich jene, die eine weniger dringende Behandlung nötig haben. Danach wird entschieden, ob ein Rettungsdienst nötig ist, Patienten eine Notaufnahme oder eine Arztpraxis aufsuchen sollten oder ob eine telefonische Abklärung ausreicht. Auch Videokonsultationen sollen möglich sein.

Wann wähle ich die 112?

Bei lebensbedrohlichen Symptomen wie Bewusstlosigkeit, akuten Blutungen, starken Herzbeschwerden, schweren Störungen des Atemsystems, Komplikationen in der Schwangerschaft und Vergiftungen unbedingt die 112 wählen. Der Rettungsdienst ist rund um die Uhr bei medizinischen Notfällen im Einsatz und innerhalb kürzester Zeit beim Patienten.



Allerdings ist SmED noch in der Erprobungsphase, es wird also noch eine Weile dauern, bis alle Anrufer der 116 117 damit erfasst werden. Wohlgemerkt wird das System nicht die Disponenten ersetzen, sondern sie nur unterstützen – kein Patient wird bei einem ambulanten Notfall am anderen Ende der Leitung von einer Computerstimme begrüßt werden. Das Personal in den Terminservicestellen wird, bevor SmED eingesetzt wird, speziell geschult, Disponenten müssen eine Ausbildung in einem Gesundheitsberuf haben und auch praktische Erfahrungen. Im Hintergrund werden dabei immer Ärzte bereitstehen, um bei Bedarf das Gespräch zu übernehmen.

Laut dem Vizechef der Dachorganisation der KVen, Dr. Stephan Hofmeister, handelt es sich bei SmED um „ein gigantisches Projekt“. Das Schweizer Vorbild befindet sich noch in der Anfangsphase, schon jetzt aber weiß man, dass in dem Land ein großer Teil der Anrufer mithilfe der automatisierten Ersteinschätzung abschließend telefonisch beraten werden kann. In Deutschland wird SmED nicht bundesweit auf einen Schlag eingeführt, sondern einzeln in den Länder-KVen. Dabei wird es auch darum gehen, die Bereitschaftsdienst- mit den Notrufzentralen zusammenzuschließen. Das ist wichtig, um jene Patienten, die sich in akuter Gefahr befinden und die 116 117 angerufen haben, sofort weiterzuleiten. Bislang ist das nicht überall technisch möglich, da die Notrufzentralen von Land zu Land unterschiedlich organisiert sind. Er sei aber sicher, sagt Stephan Hofmeister, dass die Länder eine Vernetzung forcieren werden. „Sie können sich hier nicht verweigern“, prognostiziert er.

Wann wähle ich die 116 117?

Die 116 117 ist die richtige Wahl bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden – zum Beispiel hohem Fieber, starken Bauchschmerzen oder Erbrechen. Menschen sollten den ärztlichen Bereitschaftsdienst kontaktieren, wenn sie nachts oder am Wochenende gesundheitliche Beschwerden haben, wegen derer sie normalerweise eine Arztpraxis aufsuchen würden, die Behandlung aber nicht bis zum nächsten (Werk-)Tag warten kann.



Doch erst einmal wird es darum gehen, die 116 117 ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Denn ein großer Teil der Bevölkerung weiß bis heute nicht, dass es unter dieser Nummer ärztliche Hilfe gibt – oft schneller als etwa beim Besuch in der Notaufnahme, die bislang noch viele Menschen ansteuern, denen problemlos in einer Praxis oder gar mit einem Telefonat geholfen werden könnte. Um die Zahl dieser Patienten zu verringern, soll – aufbauend auf SmED – im kommenden Jahr auch eine App veröffentlicht werden. Patienten mit akuten, aber nicht lebensbedrohlichen Beschwerden sollen dann per Smartphone selbst eine Ersteinschätzung vornehmen können. Sie könnten dann, so Stephan Hofmeister, bei der Entscheidung für oder gegen einen Arztbesuch „nicht auf ein Bauchgefühl vertrauen, sondern auf Fakten“. Die 112 und die 116 117 werden aber auch weiterhin für jeden rund um die Uhr telefonisch verfügbar sein.

durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 

Apr 7, 2019, 3:05:35 PM, Autor: Thomas Trappe