Geschwänzte Arzttermine

Kavaliersdelikt oder echtes Problem?

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Sollten Patienten, die unentschuldigt einen Arzttermin versäumen, bestraft werden? Über diese Frage ist eine neue Diskussion entbrannt. Denn Ärzte befürchten, dass die Zahl der Terminschwänzer zunehmen könnte, wenn künftig noch mehr Termine über die sogenannten Terminservicestellen vergeben werden.

Einen vereinbarten Termin sausen zu lassen, ohne Bescheid zu sagen, ist nicht die feine Art. Unhöflich ist es allemal und schlimmstenfalls sogar geschäftsschädigend für denjenigen, mit dem man den Termin ausgemacht hat. Nimmt ein Kunde unentschuldigt einen Friseurtermin nicht wahr, so ist das ärgerlich für den Friseur – denn er hätte in dieser Zeit gut jemand anderem die Haare schneiden und somit Geld verdienen können.

Auch Ärzte ärgern sich darüber, wenn Patienten einfach nicht zum Termin erscheinen. Dabei geht es in erster Linie noch nicht einmal so sehr um verlorengegangenes Honorar, sondern erst einmal darum, dass sich Terminschwänzer unsolidarisch gegenüber anderen Patienten verhalten. Sie verbrennen nämlich grundlos eine begrenzte und damit kostbare Ressource, die ein anderer vielleicht dringend gebraucht hätte: die ärztliche Behandlungszeit.

Ärzte befürchten nun, dass diese Ressource künftig noch häufiger sinnlos verbrannt werden könnte. Grund ist die Ausweitung der Terminservicestellen (TSS), die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) vorgegeben hat. Am 11. Mai ist es in Kraft getreten. Seitdem müssen die TSS, die bei den Kassenärztlichen Vereinigungen angesiedelt sind, nicht mehr nur Termine bei Fachärzten und Psychotherapeuten vermitteln, sondern auch bei Haus- und Kinderärzten – und zwar rund um die Uhr.

Durch Anonymität könnte Hemmschwelle sinken
Dem Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Dr. Andreas Gassen, treibt das die Sorgenfalten auf die Stirn. Wenn Termine über die „eher anonymen Servicestellen“ vergeben würden, sinke die Hemmschwelle, einen Termin einfach platzen zu lassen, meint Gassen. Es sei schon jetzt so, dass zahlreiche Arzttermine nicht eingehalten würden. Selbst bei Operationsterminen gebe es Patienten, die einfach nicht auftauchen würden, beklagt Gassen. Das ist besonders für solche Ärzte ärgerlich, die fast nur nach Terminvereinbarung behandeln und kaum offene Sprechstunden durchführen, zum Beispiel in Praxen, die sich auf ambulante Operationen spezialisiert haben. Hierfür werden dann extra Geräte vorbereitet, oft wird sogar zusätzliches Personal angefordert. Am Ende kommt der Patient nicht – und der ganze Aufwand war umsonst.

Die letzte umfangreiche Erhebung, die die KBV zum Thema Patienten-Termintreue durchgeführt hat, stammt aus dem Jahr 2014. Terminservicestellen gab es da noch nicht. Damals gab fast jeder zweite befragte Arzt (44 Prozent) an, dass er es an einem normalen Behandlungstag mit ein bis fünf Terminschwänzern zu tun habe (Fachärzte 52 Prozent, Hausärzte 34 Prozent). 37 Prozent der Ärzte erklärten zudem, dass täglich ein bis fünf Patienten ihren Termin erst am selben Tag absagen würden.

Darf mein Arzt mich für einen versäumten Termin zur Kasse bitten?

Ob Patienten für versäumte Arzttermine zahlen müssen, wird von den Gerichten unterschiedlich beurteilt. Grundsätzlich gilt jedoch fast immer: Ein Arzt, der sich vorbehält, sogenannte Ausfallhonorare zu verlangen, muss seine Patienten darüber informieren und dies am besten auch schriftlich mit ihnen vereinbaren. Aus Gründen der Fairness und um das Vertrauensverhältnis zum Arzt nicht unnötig zu belasten, sollten Patienten Termine, die sie nicht wahrnehmen können, aber immer frühzeitig absagen. So kann das Praxispersonal die Termine neu vergeben und andere Patienten haben die Chance, schneller behandelt zu werden. Wer auf Nummer sicher gehen will, kann den Termin auch zusätzlich noch schriftlich – zum Beispiel per Mail – absagen. So lässt sich die Absage im Zweifel besser nachweisen. Dies empfiehlt sich besonders bei Operationsterminen oder langen, aufwendigen Untersuchungen.



Patienten lassen sich mehrere Termine parallel geben
Zahlen, die seit Einführung der Terminservicestellen wohl noch einmal angestiegen sein dürften. So berichtet zum Beispiel die Kassenärztliche Vereinigung in Nordrhein, dass die Zahl der Terminschwänzer in ihrer Region um 3,5 Prozentpunkte zugenommen habe, seit es die TSS gebe. Im Schnitt ließen 15 Prozent der Patienten, die die Servicestelle in Anspruch genommen hätten, den ihnen darüber vermittelten Termin platzen. Mittlerweile sei es Usus, „Termine bei mehreren Ärzten parallel anzufragen, um so möglichst schnell an die Reihe zu kommen“, sagt der Chef der KV Nordrhein, Dr. Frank Bergmann.

KBV-Vorsitzender Gassen rechnet damit, dass schon bald neue aussagekräftige Zahlen in Sachen Termintreue vorliegen und dass man sich dann ein besseres Bild vom gesamten Ausmaß des Problems machen kann. „Durch die Terminservicestellen werden wir erstmals eine genaue Statistik erhalten“, sagt Gassen. Denn in der Datenbank einer jeden TSS sei erkennbar, wenn ein Patient Termine unentschuldigt verpasse. „Vielleicht ist das Problem gar nicht so groß. Vielleicht ist es aber auch größer, als wir denken.“

Wenn Letzteres der Fall sei, komme der Gesetzgeber gar nicht mehr drum herum, Sanktionen einzuführen. „Es kann nicht sein, dass nur den Ärzten Verpflichtungen auferlegt werden“, betont der KBV-Chef. Wenn auf der einen Seite eine Termingarantie von den Ärzten verlangt werde, könne man auf der anderen Seite auch von den Patienten Termintreue erwarten.

Vorschlag: Terminschwänzer von Vermittlung ausschließen
Und wie könnten Strafen für Terminschwänzer aussehen? Darüber hat sich Gassen auch schon Gedanken gemacht. Patienten, die wiederholt die von einer Servicestelle erhaltenen Termine nicht wahrgenommen hätten, könnten zum Beispiel für ein oder zwei Jahre von der Vermittlung ausgeschlossen werden, schlägt der KBV-Chef vor. „Möglich wäre auch, dass die Ärzte die entgangenen Zuschläge in Rechnung stellen und die Kassen sich das Geld dann vom Versicherten zurückholen.“

Auch andere Ärztevertreter befürchten, dass es durch die Ausweitung der Terminservicestellen zu mehr Terminausfällen in den Praxen kommen könnte – und fordern die Politik zum Handeln auf. „Wer keine Terminmoral zeigt und als Patient nicht daran mitwirkt, das Gesundheitssystem durch sein persönliches Verhalten wirtschaftlich zu nutzen, verhält sich unsolidarisch gegenüber anderen Patienten und unangemessen gegenüber den begrenzten Ressourcen im System“, sagt der Vorsitzende des NAV-Virchow-Bundes, Dr. Dirk Heinrich. Die Politik müsse klipp und klar zeigen, dass ein solches unsoziales Verhalten nicht geduldet werde. „Hier muss der Gesetzgeber deutlich nachschärfen, sonst blockieren die Terminschwänzer unsere Praxisorganisation und nehmen denen die Termine weg, die wirklich dringend einen brauchen“, warnt Heinrich. Er spricht sich ebenfalls für einen zeitlich begrenzten Ausschluss terminuntreuer Patienten von der Terminvermittlung aus. 

Kassen halten nichts von Strafen
Erwartungsgemäß anderer Meinung sind hingegen die Krankenkassen. Sie halten nichts von Sanktionen für Terminschwänzer und schon gar nichts von Geldstrafen. „Wenn Ärzte Patienten mit einer Strafgebühr zur Kasse bitten, weil sie nicht zum vereinbarten Termin erschienen sind, verdienen sie ungerechtfertigter Weise zweimal“, sagt Johann-Magnus von Stackelberg, bis Ende Juni 2019 stellvertretender Vorsitzender des Spitzenverbandes der gesetzlichen Krankenkassen. In den mit der Ärzteschaft vereinbarten Honoraren sei ein Nichterscheinen von Patienten bereits eingepreist, meint der Kassenfunktionär. „Will man über Termintreue reden, sollten die Ärzte nicht nur auf ihre Patienten zeigen. Es passiert leider immer noch viel zu oft, dass Patienten trotz eines Termins lange in Wartezimmern sitzen.“

Und was sagt die Politik zum Thema? Die zeigt sich gespalten. Manch ein Gesundheitspolitiker ist ebenfalls der Auffassung, Terminschwänzer gehörten bestraft. „Wer das Gesundheitswesen missbraucht, muss auch die Konsequenzen tragen“, meint zum Beispiel der CDU-Gesundheitspolitiker Alexander Krauß, der innerhalb der Unionsfraktion Berichterstatter für das Terminservicegesetz war. Werde mutwillig ein Termin sausen gelassen, dann könne ein anderer Patient nicht behandelt werden. „Das Ziel des Gesetzes ist nicht nur eine schnellere Terminvermittlung, sondern auch eine effiziente Nutzung der vermittelten Termine.“

Aus der SPD hingegen kommt Kopfschütteln. Eine Ausfallgebühr für versäumte Arzttermine habe „keine rechtliche Grundlage“, sagt Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Es sei vielmehr Sache der Ärzte, weniger überflüssige Termine für Routinepatienten anzubieten und sich auf die Versorgung wirklich hilfsbedürftiger Patienten zu konzentrieren. „Eine Ausfallgebühr als eine Art Zusatzeinkommen für Ärzte lehne ich ab.“

durchblick gesundheit • Ausgabe 65 • Juli–September 2019 

Apr 7, 2019, 3:03:24 PM, Autor: Sarah Knoop