Kinder und Jugendliche mit Kopfschmerzen

Ohne Therapie droht ein Teufelskreis

Auf die Häufigkeit von Kopfschmerzen bei Schulkindern weisen nun auch Pädiater der Universität Dresden hin. Mehr als zwei Drittel aller Schulkinder leiden laut einer Studie der Kinderärzte regelmäßig an Kopfschmerzen („Cephalalgia“). Bei den Oberschülern lag der Anteil in dieser Studie sogar bei fast 80 Prozent. Und: Über ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, fehlten aufgrund dieser Beschwerden häufiger in der Schulen. Das „Bewusstsein der Gesellschaft für die Kopfschmerzproblematik bei Kindern und Jugendlichen“ sei allerdings noch immer gering, so das Dresdener Team um Privatdozentin Dr. Gudrun Goßrau in einer Mitteilung der Universität.


Wenn Kinder unter Kopfschmerzen leiden, wird nur selten ein Arzt aufgesucht.
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Ohne Schmerztherapie gerieten die Betroffenen in einen Teufelskreis: Schulfehltage könnten zu Leistungsabfall, Schulversagen, Schulangst führen, viele betroffene Kinder isolierten sich sozial, auch die Gefahr einer Depression sei erhöht. Umso wichtiger seien eine rechtzeitige ärztliche Diagnose und individuelle Therapie dieser Kinder und Jugendlichen. Doch die Dresdner Studie zeigt auch: Fast alle Kinder, die nur einmal im Monat Kopfschmerzen aufwiesen, und etwa 80 Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat unter Kopfschmerzen litten, hatten keinen Arzt aufgesucht. „Dabei stellen Kopfschmerzen bereits im Kindes- und Jugendalter ein relevantes Gesundheitsproblem dar und sollten rechtzeitig und individuell von einem Arzt behandelt werden“, erklären die Co-Autoren der Studien Prof. Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Dresdner Uniklinikums und Dr. Matthias Richter.

Kopfschmerzhäufigkeit variierte mit der Schulform

Für die Studie beantworteten 2.706 Schülerinnen und Schüler, die in Dresden eine Grund- oder weiterführende Schule besuchten, einen Fragebogen. Erhoben wurde darin, wie oft Kopfschmerzen bei Kindern und Jugendlichen in den vergangenen drei Monaten auftraten, in welcher Stärke und welche Maßnahmen ergriffen wurden. Das Ergebnis: Nur knapp 32 Prozent der Befragten gaben an, gar nicht unter Kopfschmerzen zu leiden, fast 37 Prozent hatten einmal pro Monat Kopfschmerzen, fast 32 Prozent, mehr als zweimal im Monat. Die letztgenannte Gruppe untersuchte das Team genauer: 55 Prozent hatten an zwei bis fünf Tagen pro Monat Kopfschmerzen, 27 Prozent an fünf bis zehn Tagen. Sieben Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, gab sogar an, an mehr als 15 Tagen pro Monat unter diesen Schmerzen zu leiden. Auffällig war zudem, dass die Kopfschmerzhäufigkeit mit der Schulform variierte: In Grundschulen hatten fast 64% der Schüler regelmäßig Kopfschmerzen, in den Gymnasien fast 68% und in den weiterführenden Regelschulen nahezu 80%. Mädchen waren insgesamt häufiger betroffen als Jungen.

Insgesamt gaben 624 der befragten Kinder und Jugendliche an, Schmerzmedikamente oder homöopathische Mittel gegen Schmerzen einzunehmen. In der Gruppe, die nur einmal im Monat unter Kopfschmerzen litt, nahm knapp ein Fünftel Schmerzmittel ein, in der Gruppe derer, die mehr als zweimal im Monat von Kopfschmerzen gequält wurden, gab fast die Hälfte an, regelmäßig Schmerzmittel einzunehmen. Auffällig war dabei, dass nahezu alle Kinder, die nur einmal im Monat Kopfschmerzen aufwiesen, und etwa 80 Prozent derjenigen, die mehr als zweimal im Monat Kopfschmerzen hatten, keinen Arzt aufgesucht hatten.

Ein Problem: die Selbst-Medikation

Für Gudrun Goßrau ist der Mitteilung zufolge die mangelnde Bereitschaft, sich ärztlich behandeln zu lassen, auch Ausdruck eines fehlenden Bewusstseins für Kopfschmerzen als ernstzunehmende Krankheit in unserer Gesellschaft: „Doch diese Form des Schmerzes ist bereits in Kindheit und Jugend ein relevantes Gesundheitsproblem. Wie unsere Erhebung gezeigt hat, sind bei jungen ebenso wie bei älteren Menschen Lebensqualität und Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt.“

„Es ist eine irrige Annahme, dass jeder seine Kopfschmerzen selbst therapieren kann und keine Diagnose vom Arzt nötig ist“, betont zudem Reinhard Berner. Kritisch sehen die Pädiater auch die häufig zu beobachtende unbedachte Schmerzmitteleinnahme. Auch der Essener Neurologe Professsor Hans-Christoph Diener sieht hier eine Fehlentwicklung. „Die Werbung der Schmerzmittelhersteller suggeriert, dass jeder seine Kopfschmerzen selbst therapieren kann und man keine Diagnose vom Arzt benötigt. Das ist sicher falsch, eine Migräne wird anders behandelt als ein Clusterkopfschmerz.“ Wie Berner warnt auch er

vor einer unbedachten Schmerzmitteleinnahme, da Kopfschmerzmedikamente, wenn sie häufig eingenommen werden, ihrerseits Kopfschmerzen verursachen und verstärken können. Diener: „Im Kindesalter wird oft schon der Grundstein für eine laxe Haltung gegenüber Schmerzmitteln gelegt, die dann in späteren Lebensphasen zum Schmerzmittelübergebrauch führen kann.“

Im Fokus: der Lebensstil

Das Wissen über das häufige Auftreten unterschiedlicher Formen des Kopfschmerzes bei Kindern und Jugendlichen sei ein wichtiger Ansatzpunkt dafür, verstärkt Versorgungsangebote für die Betroffenen zu schaffen, heißt es in der Mitteilung der Dresdener Pädiater außerdem. Ein Beispiel dafür sei das DreKiP- Konzept (Dresdner Kinder-Kopfschmerzprogramm). Im Fokus dieses Programmes steht unter anderem ein Lebensstil der Kinder und Jugendlichen, der Kopfschmerzen fördern kann. Der Trend zu elektronischen Spielen und medialer Unterhaltung, aber auch eine weiter komprimierte Wissensvermittlung in der Schule sind bei Kindern und Jugendlichen ebenso Risikofaktoren für das Auftreten häufiger Kopfschmerzattacken wie körperliche Inaktivität oder seelischer Stress. Mit den unterschiedlichen Formen der in das DreKiP-Programm integrierten Therapien soll dieser Entwicklung gegengesteuert werden. Der Schlüssel dazu seien „Aktivitäten, in denen die Betroffenen in einer Gruppe agieren, wieder einen Zugang zu körperlicher Bewegung bekommen, kreativ werden und ihren eigenen Körper wahrnehmen“. Diese Erkenntnis sollte nicht nur die von häufigen Kopfschmerzen heimgesuchten Kindern und Jugendlichen anregen, ihren Lebensstil auf den Prüfstand zu stellen, sondern auch ihren Altersgenossen, die bisher von diesen Problemen verschont wurden. Denn die Wahrscheinlichkeit, künftig selbst häufiger unter Kopfschmerzen zu leiden, steigt bereits in der Schulzeit.


Aug 14, 2019, 12:31:14 PM, Autor: Dr. med. Thomas Kron