Eine Medizinerspezies stirbt aus - Der Hausarzt: Auf der roten Liste der bedrohten Arten

Als Dr. Erhard Gunder vor zwei Jahren in den wohlverdienten Ruhestand ging, versuchte er gar nicht erst, einen Nachfolger für seine Praxis in Bayerisch Eisenstein zu finden. „Ich habe ganz einfach zugesperrt. Ich will das keinem zumuten“, berichtet der Mediziner.


© Dr. Florian Brückner
„Das Schlimme ist, dass ich unter diesen Bedingungen keine verantwortungsvolle Medizin mehr machen kann“, klagt der Nersinger Hausarzt Dr. Florian Brückner.

 


Gunder ist kein Einzelfall. Doch das Sterben der bayerischen Hausarztpraxen läuft meist still ab. Schließt mal wieder eine für immer, berichtet allenfalls die Lokalpresse. Den Überblick hat hingegen der Chef des bayerischen Hausärzteverbandes, Dr. Wolfgang Hoppenthaller: „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“, weiß er. „Nahezu jeder zweite der 8.000 bayerischen Hausärzte ist über 58 Jahre alt. Statistisch gehen die Kollegen mit 61 Jahren in Rente, weil sie ausgebrannt sind. Doch kaum ein junger Kollege will noch eine Hausarztpraxis übernehmen, schon gar nicht auf dem Lande. Das ist allenfalls noch im Fernsehen romantisch“, weiß der Verbandschef.

In den meisten Landpraxen beginnt der Arbeitstag um 7 Uhr morgens und endet selten vor 20 Uhr, hinzu kommen die Nacht- und Wochenenddienste. Rund siebzig Stunden arbeitet ein Hausarzt pro Woche, rechnet Hoppenthaller vor. Ein Knochenjob. Doch mit der Behandlung ihrer Patienten ist die Arbeit nicht getan: „Für drei Minuten, die ich einen Patienten behandle, muss ich mittlerweile zehn Minuten überflüssigen Papierkram erledigen“, ärgert sich der Kemnather Hausarzt Dr. Ralf Cronenberg. Er ist einer der gerade noch 700 bayerischen Hausärzte, die jünger als 40 Jahre sind. „Kein akademischer Beruf wird so von Bürokraten gegängelt wie wir Ärzte“, moniert er.

Arbeiten rund um die Uhr, ein Haufen Bürokratie – und dabei schwebt über den Medizinern gleichzeitig noch die ständige Gefahr, mit dem sauer verdienten Geld zu haften, sollten sie das von oben festgelegte Arzneimittelbudget überschreiten. Diese „Arzneimittelregresse“ können schnell mehrere zehntausend Euro Strafe kosten – und damit in den sicheren Ruin treiben. „Allein die bayerischen Kassen fordern derzeit von 2.000 Ärzten im Freistaat an die 50 Millionen Euro“, weiß der Erlanger Hausarzt Dr. Jürgen Binder.

Das Maß voll machen die ständig sinkenden Honorare: „Als ich mich vor drei Jahren niederließ, bekam ich durchschnittlich für die Behandlung eines Patienten pro Quartal noch rund 70 Euro. Heute sind es gerade noch 51 Euro. Das ist ein Einkommensverlust von über 25 Prozent“, berichtet der Nersinger Hausarzt Dr. Florian Brückner.

Er fragt sich: „Welche Berufsgruppe würde sich das sonst gefallen lassen? Dabei bleiben doch die Kosten etwa für Praxismiete oder Gehälter gleich hoch oder steigen eher noch.“ Dass der Verlust noch nicht viel größer ist, liegt wohl auch daran, dass Brückner sich genau auskennt im tiefen Dschungel der Abrechnungsbürokratie. Einige seiner Kollegen erhalten gerade mal noch 15 Euro pro Patient im Monat – egal wie oft dieser zu ihm kommt und egal wie viel Zeit er sich für ihn nehmen muss.

Die Aussicht ist noch viel düsterer: Ein neues Honorarsystem, das 2009 kommen soll, wird für die Hausärzte noch mal ein derber Schlag ins Kontor. „Wenn dann die ersten Abrechnungen bei den Kollegen eintrudeln, überlebt das jeder zweite finanziell nicht“, warnt Hoppenthaller.

Hinzu kommt noch, dass schon bald zumindest die AOK in Bayern insgesamt wesentlich weniger Geld für alle Ärzte ausgeben will. Vor Kurzem kündigte sie den Vertrag mit der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, der regelt, wie viel die Kasse pro Jahr für die ambulante Versorgung zur Verfügung stellt. Der Vertrag muss jetzt neu verhandelt werden und schon jetzt ist sich der Bayerische Hausärzteverband absolut sicher, dass die AOK deutlich weniger zahlen will.

„Das Schlimme ist, dass ich unter diesen Bedingungen keine verantwortungsvolle Medizin mehr machen kann“, klagt Dr. Brückner.

Diesen Frust teilt der Mediziner mit Kollegen in der ganzen Republik. Denn nicht nur in Bayern fehlen Hausärzte. Vor allem in den ländlichen Regionen der neuen Bundesländer suchen die Gemeinden händeringend nach neuen Medizinern. Das gleiche Szenario spielt sich auf dem platten Land der alten Bundesländer ab: In Nordrhein, Niedersachsen, Hessen warnen Fachleute vor einem ähnlich großen Loch, wie es bereits in Bayern klafft. Und selbst die Berliner haben bereits Probleme: Mehr als 200 Hausärzte hätten in den letzten zwei Jahren ihre Praxen aufgegeben – ohne Ersatz, warnt der dortige Hausärzteverband.

Hinzu kommt hier: Immer mehr Mediziner verlagern ihre Praxen weg aus sozial schwachen Stadtbezirken wie Marzahn oder Neukölln, um in besser situierten Stadtquartieren neu zu eröffnen. Das führt schon heute dazu, dass Patienten aus den ärmeren Bezirken lange Fahrten auf sich nehmen müssen.

Für Bayern will der Hausärzteverband jedenfalls die Notbremse ziehen. Er hat seinen 8.000 Kollegen im Freistaat empfohlen, ihre Zulassung zurückzugeben, also aus dem System auszusteigen (siehe Kasten „Bayern: Nichts wird mehr sein, wie es mal war“).

Wie nervös die Kassen auf solche Pläne reagieren, zeigt ihre prompte Ankündigung, juristisch prüfen zu lassen, ob der Aufruf zum Ausstieg nicht gar rechtswidrig sei.

Die Hausärzte würden die Solidarität mit Kranken und Alten aufkündigen und deren medizinische Versorgung massiv gefährden, legt Ministerin Stewens nach. Doch anscheinend wird genau andersherum ein Schuh draus: „Gerade weil sie das sterbende System verlassen, sichern die bayerischen Hausärzte die Versorgung und zeigen ihre Solidarität mit den Kranken und Älteren, deren Versorgung Ulla Schmidts Ministerium zur Nebensache erklärt hat“, kontert Dr. Hans-Peter Meuser, Vizepräsident des bundesweit organisierten Verbandes „Freie Ärzteschaft.“ Der Nersinger Hausarzt Dr. Florian Brückner hat für sich längst entschieden: „Ich steige auf jeden Fall aus dem System aus. Entweder am 30.1. mit einem Knall und allen zusammen oder schrittweise allein. Dann funktioniere ich meine Praxis langsam so um, dass ich mir wieder umfassend Zeit für meine Patienten nehmen kann. Das ist in der Kassenmedizin nicht möglich.“


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© Dr. Ralf Cronenberger
„Für jede Behandlung von drei Minuten verbringe ich zusätzlich zehn wei­tere mit unsinnigem Papierkram. Kein anderer akademischer Beruf wird so von Bürokraten gegängelt wie wir Ärzte“, ärgert sich der Kemnather Hausarzt Dr. Ralf Cronenberg.

 

Brückner ist nicht allein: Von drei befreundeten Kollegen hat einer erst gar keine Kassenzulassung haben wollen und behandelt ausschließlich Privatpatienten und Selbstzahler. Die beiden anderen planen wie Brückner, über kurz oder lang auszusteigen.

„Die Leute werden hier von der Politik schlicht für dumm verkauft“

© Bayrischer Hausärzteverband
Im Interview:
Dr. Wolfgang Hoppenthaller

Schwere Vorwürfe erhebt der Chef des Bayerischen Hausärzteverbandes gegen das Sozialministerium und die Kassenärztliche Vereinigung: „Wir sollen aussterben.“


durchblick: In der ganzen Republik fehlen Hausärzte. Warum ist in Bayern die Situation so besonders schlimm?  

In anderen Flächenstaaten wie Niedersachsen oder Nord-rhein-Westfalen tun die Politiker wenigstens manchmal so, als würden sie sich für dieses brennende Problem interessieren. Das ist bei uns anders. Frau Sozialministerin Stewens ließ noch 2006 im Bayerischen Landtag erklären: In Bayern gibt es keinen Hausarztmangel und es droht auch keiner. Und schon gar nicht geht es den Hausärzten finanziell schlecht, die Arbeitszeit hält sich auch in Grenzen.  

durchblick: Wie geht das aber zusammen? Liegt die Wahrheit vielleicht eher in der Mitte?

Nein, tut sie nicht. Das Ministerium erhielt unter anderem von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns völlig falsche Zahlen. Es verdichtet sich der Eindruck, dass wir Hausärzte in diesem System gar nicht mehr erwünscht sind. 

durchblick: Was steckt dahinter?

Es scheint, dass wir Hausärzte nach amerikanischem Vorbild durch sogenannte „Case Manager“, Gemeindeschwestern und medizinische Versorgungszentren ersetzt werden sollen. Der Bevölkerung wird verschwiegen, dass wir Hausärzte gezielt wegrationalisiert werden sollen.

durchblick: Warum schlägt dann nicht die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns (KVB) Alarm?

In der KVB sitzen wir Hausärzte schon seit vielen Jahren am Katzentisch. Manchmal hat man glatt den Eindruck, auch denen ist es recht, wenn wir quasi „aussterben“.

Das ist übrigens kein bayerisches und nicht mal ein hausarzt-spezifisches Problem. Auch in Berlin will man die niedergelassenen, freiberuflichen Ärzte abschaffen – zugunsten des oben geschilderten Systems nach amerikanischem Muster.  ­

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Bayern: Nichts wird mehr sein, wie es mal war

Egal wie: Für die bayerischen Hausärzte geht es so nicht mehr weiter. Wenn diese Ausgabe von „durchblick gesundheit“ erscheint, wird bereits eine wichtige Zukunftsentscheidung gefallen sein – leider erst nach Redaktionsschluss. Wir stellen deshalb zwei Szenarien vor.

„Raus aus dem System“, lautet die griffige Formel, unter der der Chef des Bayerischen Hausärzteverbandes alle seine bayerischen Kollegen am 30.1. in die Nürnberger „Arena“ eingeladen hat. „Für uns geht im System der kassenärztlichen Vereinigung gar nichts mehr. Deshalb habe ich alle bayerischen Kollegen aufgerufen, ihre Zulassung als Kassenarzt zurückzugeben.“

Das würde im Klartext bedeuten: Ab diesem Tag hätten die bayerischen Hausärzte entschieden, keine Kassenärzte mehr sein zu wollen. Laut Gesetz müssten sie noch bis Ende des Quartals – also bis zum 31.3.08 – Kassenpatienten behandeln, danach aber nicht mehr. „Um eines sehr klar zu machen: Diese Aktion richtet sich nicht gegen unsere Patienten. Im Gegenteil tun wir dies, damit wir überhaupt noch in Zukunft für unsere Patienten da sein können“, erklärt Hoppenthaller.

Der Ausstieg aus dem System ist ein juristisch notwendiger Schritt, der dem Verbandschef neue Möglichkeiten eröffnen würde. Er möchte mit den Krankenkassen direkt aushandeln, wie viel Geld die bayerischen Hausärzte in Zukunft für die Behandlung ihrer Patienten bekommen. Den Umweg über die „Geldverteilungsinstitution“ Kassenärztliche Vereinigung müsste Hoppenthaller dann nicht mehr gehen.

Unter diesen Vorzeichen ist es sehr wahrscheinlich, dass die Hausärzte die Kassen an den Verhandlungstisch zwingen können. „Wenn wir keine Kassenärzte mehr sind, schicken wir unsere Rechnungen direkt an die Kassen. Grob hochgerechnet wären das pro Quartal rund acht Millionen Abrechnungen allein in Bayern, die die Kassen abarbeiten müssten. Diesen Verwaltungsaufwand schaffen die nie und nimmer. Ich glaube, diese Verhandlungen würden sehr rasch über die Bühne gehen. In keinem Fall wollen wir unsere Patienten im Stich lassen.“

Bleibt der gemeinsame Aufstand der Hausärzte aus, wird trotzdem vieles bald sehr anders sein. „Schon in zwei, drei Jahren werden in Bayern dann so viele Hausärzte fehlen, weil sie in Rente oder pleite sind, dass die hausärztliche Versorgung auf breiter Front nicht mehr funktioniert“, ist sich Hoppenthaller sicher. „Und dann werden wir erleben, dass zutiefst betroffene Politiker vor laufender Kamera erschüttert feststellen, dass ja nun – da keine Hausärzte mehr da sind – eben andere ihre Aufgabe übernehmen müssen“, ätzt Hoppenthaller. „Das geht doch jetzt schon los: Da vereinbart die DAK mit dem US-amerikanischen Unternehmen ‚Healthways‘, dass chronisch Kranke durch ein Callcenter betreut werden.“

Der Vöhringer Hausarzt Dr. Alfred Milz bringt es auf den Punkt: „Ich habe lange in den USA gearbeitet und kenne die Verhältnisse dort gut. Wenn sich hier in Bayern nichts ändert, dann haben wir bald solche amerikanischen Verhältnisse. In Kalifornien beispielsweise gibt es gar keine Hausbesuche mehr. Da geht man dann in die Poliklinik und wartet vier Stunden darauf, dass einen ein ruppiger Inder, der nicht mal richtig Englisch spricht, nach kurzer Untersuchung wieder nach Hause schickt.

Unsere Politiker sind gerade dabei, eines der besten Gesundheitssysteme der Welt zu opfern. Besser wird es so auf keinen Fall. Und billiger auch nicht. Nur landet das Geld woanders, etwa bei Gesundheits-Großkonzernen. Und darum geht es wohl eigentlich hier in diesem Spiel.“

Aug 20, 2008, 10:55:58 AM, Autor: Gaby Guzek / Februar 2008