Fachärztesorgen - Augenärzte: Pleite trotz Patientenansturm

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Eine chronische Bindehautentzündung quälte den Schweriner Informatiker Thomas K. schon lange. Tagelang wählte er sich die Finger wund, um bei einem Augenarzt einen Termin zu bekommen. Doch Fehlanzeige. Sein Frust steigerte sich noch, als ihm endlich eine freundliche Helferin am Telefon den Grund erklärte: „Wir haben hier jedes Quartal bis zu 2.000 Patienten. Doch die Krankenkasse bezahlt jetzt nur noch die Behandlung von rund 950. Alle anderen sollen wir quasi umsonst behandeln. Das können wir uns einfach nicht leisten, deshalb nehmen wir keine Patienten mehr an.“

Thomas K. verstand die Welt nicht mehr, bezahlt er doch jeden Monat einen üppigen Batzen Geld an seine Krankenkasse. „Und jetzt heißt es, dass ich nicht mal zum Arzt kann, weil der von meiner Kasse kein Geld bekommt? Da ist doch was gehörig faul“, ärgert sich der Computerspezialist.

Erdacht hat diese bürokratische Missgeburt aber gar nicht die Krankenkasse, sondern die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Sie hat die Aufgabe, das Geld, das sie von den Krankenkassen bekommt, unter den Ärzten zu verteilen. Und weil der Gesamtbetrag schon lange hinten und vorne nicht mehr reicht, ersann sie die sogenannten „Regelleistungsvolumina“, also die Stolperfalle, in die auch Thomas K. getappt ist. Das Bürokratiemonster ist schnell erklärt: Eben weil das Geld der Kassen nicht für die Behandlung aller Patienten reicht, zahlt die KV jedem Arzt nur so viel Geld aus, wie sie unter allen Ärzten gerecht verteilen kann. Danach ist Schluss und der Arzt kann entscheiden, ob er die restlichen Patienten nahezu umsonst behandelt oder lieber gar keine mehr annimmt. Rein betriebswirtschaftlich gesehen, ist Letzteres sogar der vernünftigere Schritt, denn bei jeder Behandlung entstehen in der Arztpraxis ja auch Kosten – etwa für Personal, Instrumente etc. Deshalb macht ein Arzt, der trotz Regelleistungsvolumen weiterhin seine Patienten betreut, damit sogar ein Minusgeschäft.

„Stellen Sie sich vor: Ein Bäcker dürfte innerhalb von drei Monaten nur fünfhundert Brötchen verkaufen. Gehen trotzdem mehr über die Ladentheke, ist der Preis dafür niedriger, als seine Kosten für Mehl, Milch und Hefe liegen. Damit macht der Bäcker Miese“, erläutert der Augenarzt Dr. Tobias Lammich aus Neubrandenburg das System, unter dem er und seine Kollegen im nordöstlichen Bundesland zu leiden haben.

Die Folgen bekommen die Patienten deutlich zu spüren: „Viele der Kollegen müssen schon nach der Hälfte des Quartals die Sprechstunden reduzieren oder sind gezwungen, nebenher noch auf andere Weise Geld zu verdienen. Manche denken sogar ganz ans Aufhören“, beschreibt der Augenarzt aus Neubrandenburg die Situation. Für die Patienten werde es daher immer schwerer, noch einen Termin bei einem niedergelassenen Augenarzt zu ergattern.

Das Problem mit der Höchstgrenze hemmt auch die Arbeit anderer Fachärzte. Bei den Augenärzten sind die Verantwortlichen aber besonders drastisch vorgegangen, weiß der Vorsitzende des Berufsverbandes der Augenärzte, Prof. Bernd Bertram: „Durften die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern früher rund 2.000 Behandlungsfälle mit dem normalen Kassensatz abrechnen, werden heute nur noch 951 Fälle voll bezahlt“, erklärt der Fachmediziner. Viele Praxen stünden deshalb kurz vor der Pleite.

In reicheren Städten oder Landstrichen würden Ärzte noch an Privatpatienten verdienen und könnten die Behandlung der Kassenpatienten mit dem Geld zum Teil querfinanzieren. „Aber wo sollen in den ländlichen Teilen Mecklenburg-Vorpommerns die Privatpatienten herkommen?“, fragt Bertram. Hinzu kommt: In MeckPomm leben überdurchschnittlich viele Senioren. „Über 60-Jährige benötigen aber viel häufiger die Hilfe eines Augenarztes als jüngere Patienten“, weiß der Verbandsvorsitzende Bertram.

„Viele Kollegen versinken bei vollem Wartezimmer und 60-Stunden-Woche langsam im Schuldensumpf. Frust, Selbstzweifel und Depressionen sind häufig die Folgen“, berichtet auch Andreas Steindel, der in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) eine Augenarztpraxis betreibt. In seinem Bundesland kämpfen die Augenärzte mit ähnlichen Problemen wie die Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern.

Steindel hat die Auswirkungen am eigenen Leib zu spüren bekommen: „Ältere Kollegen haben sich in den Ruhestand gerettet, jüngere gleich ganz auf die Kassenzulassung verzichtet. Es gibt also immer weniger Augenärzte bei uns. Und die, die noch übrig sind, müssen eine übermenschliche Arbeitsleistung erbringen.

Schließlich habe er selbst den „erlösenden Schlussstrich“ gezogen: „Ich biete nur noch eine Privatsprechstunde an. Auf Rechnung behandele ich auch weiter Kassenpatienten. Da habe ich zwar weniger Patienten. Ich kann mir aber für sie ausreichend Zeit nehmen und verdiene zumindest so gut, dass ich keine Helferin entlassen muss“, zieht der „Aussteiger“ aus dem System der gesetzlichen Krankenversicherung ein positives Fazit.

Dringend müssten Krankenkassen und Politik etwas tun, um die Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen-Anhalt zu verbessern. „Sie verschlimmern die Probleme aber noch“, ärgert sich der Verbandsvorsitzende Bertram. Statt die unsinnige Honorargrenze für Ärzte abzuschaffen, würden Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigungen und Sozialministerien versuchen, die Unikliniken als Notlösung zu präsentieren und die Patienten dorthin umzuleiten. „Damit schaffen sie vielleicht neue Stellen für angestellte Augenärzte an den Kliniken – die werden aber im niedergelassenen Bereich fehlen“, kann Bertram nur den Kopf schütteln.

Dass die Unikliniken die Lage nicht wirklich verbessern können, zeigt sich derzeit in Sachsen-Anhalt deutlich: Zwar sind mit der Universitätsklinik in Halle öffentlichkeitswirksam Verträge über eine „Sondersprechstunde“ geschlossen worden. Sie soll den überlasteten und unterbezahlten Augenärzten etwas Arbeit abnehmen. Klinikdirektor Prof. Gernot Dunker muss jedoch ehrlich zugeben: „Wir können den Notstand mit unseren Kapazitäten gar nicht auffangen.“ Lediglich eine einzige zusätzliche Helferin habe die Klinik als Halbtagsstelle bewilligt bekommen.

„Augenkliniken dieser Größe sind auch für schwere Fälle und die Wissenschaft da, nicht für die Grundversorgung“, findet Augenarzt Steindel. „Aber bevor die Politiker und Funktionäre der Bevölkerung endlich die Wahrheit präsentieren, verramschen sie lieber das Tafelsilber“, regt sich der Facharzt auf. Dabei müssten die Patienten endlich darüber aufgeklärt werden, wie es um die fachärztliche Versorgung steht. „Erhalten die Augenärzte nicht bald angemessene Honorare, schmeißen immer mehr Kollegen das Handtuch – und die Patienten stehen im Regen. Sie fragen sich dann zu Recht, wohin ihre Krankenkassenbeiträge eigentlich fließen.“

Aug 20, 2008, 10:58:25 AM, Autor: Jan Scholz / Februar 2008