Ausspioniert per Smartphone

Gesundheits-Apps: Hilfe oder dreister Daten-Deal?

Jeder dritte Deutsche nutzt inzwischen Fitnesstracker oder Gesundheits-Apps © Denys Prykhodov_Fotolia.com
Pulsfrequenz und Bewegungsdaten rasch mit einem Klick an den Hausarzt oder die Krankenkasse senden, kurze Rückmeldung mit Gesundheitstipps und vielleicht sogar einen günstigeren Kassentarif bekommen: Was vielleicht ganz praktisch klingt, birgt manche Gefahren. 


Hubert K. blickt zufrieden auf sein Fitnessarmband. Die tägliche Schrittzahl: erreicht. Die Fitnesswerte: im grünen Bereich. Die Kalorienzahl: Naja. Das zweite Stück Schwarzwälder Kirsch hätte er sich wohl besser verkneifen sollen. Schließlich hat er ja schon gestern die empfohlene Kalorienmenge deutlich überschritten. Hubert K. zuckt mit den Schultern. Ein paar Kilo zu viel, die hat er schon lange, was soll’s.

Wenige Tage später flattert ein Brief der Krankenkasse ins Haus. Hubert K., mahnt diese, müsse jetzt aber wirklich besser auf sein Gewicht achten. Wenn die App zum Kalorienzählen weiterhin solche Werte sende, dann müsse die Kasse ihn leider aus seinem extragünstigen Tarif werfen. Denn der sei an gesundheitsbewusstes Verhalten gekoppelt.

Zugegeben, solche Szenarien sind reine Gedankenspiele. Aber Fakt ist: Immer mehr Menschen verwenden Fitness-Apps und Ähnliches. Jeder dritte Deutsche nutzt jüngsten Umfragen zufolge Fitnesstracker oder Gesundheits-Apps zur Aufzeichnung von Gesundheitsdaten. Und mit der Menge an persönlichen Gesundheitsdaten wachsen auch die Begehrlichkeiten. Denn Krankenkassen und Versicherungen möchten zu gern immer mehr über ihre Versicherten wissen. Denn so kann man kranke und damit teure Versicherte besser „aussortieren“.

So deutlich sagen sie das natürlich nicht. Wenn es um die Daten der Patienten geht, wird, wie schon bei der elektronischen Gesundheitskarte, stets das Patientenwohl in den Vordergrund gerückt. Der Chef der Techniker Krankenkasse Jens Baas zum Beispiel hat kürzlich vorgeschlagen, jeder Deutsche solle eine elektronische Patientenakte erhalten, die seine Krankenkasse für ihn führt. Und dabei sollten auch Gesundheitsdaten einbezogen werden, die der Patient selbst per Apps und Co. sammelt. Den Nutzen für den Patienten beschreibt der Kassenchef so: „Wir können Krankheiten beobachten. Wir können über das Risiko einer Erkrankung informieren, wenn wir die Krankheiten, den Puls, das Ausmaß der Bewegung und so weiter zusammen analysieren. Oder: Wir wissen, dass der Versicherte eine Depression hat, und stellen auf einmal fest, dass seine Bewegungsmuster auffällig werden. Dann können wir ihm vorschlagen, zum Arzt zu gehen.“

Vielleicht möchte der Versicherte aber gar nicht, dass die Kasse so detailliert über seinen Gesundheitszustand Bescheid weiß? Ja, räumt Baas ein, deswegen solle auch der Patient entscheiden, wer Einsicht erhalte. Er könne dann auch seine Krankenkasse ausschließen. Also die Krankenkasse führt zwar die Akte für den Patienten, hat alle Daten auf ihren Computern, aber sieht sie nicht ein? Wie realistisch das ist, mag jeder selbst entscheiden.

Außerdem: Dass Daten, die per Handy übertragen werden, relativ leicht abgefangen werden können, ist bekannt. Dazu kommt die steigende Zahl an sogenannten Cyberattacken. Immer mehr Krankenhäuser zum Beispiel haben mit Hackerangriffen zu tun. Im besten Fall werden die Computer für eine Weile lahmgelegt. Im schlechtesten werden sämtliche intime Patientendaten geklaut. Solche Sicherheitsbedenken hält Kassenchef Baas allerdings nur für ein „Totschlagargument für alle, die es nicht wollen“.

Die Politik sieht das schon etwas kritischer. „Weder Krankenkassen noch private Versicherungskonzerne dürfen Zugriff erhalten auf persönliche Gesundheitsdaten, die über Fitnessarmbänder übertragen werden“, warnt Kathrin Vogler von der Linken. Denn denen gehe es dabei keineswegs um das Wohl der Patienten, sondern um „wirtschaftliche Auslese, welche Versicherten sich ‚rechnen‘ und welche man lieber loswerden will“.

Für Freizeitsportler können die Daten sinnvoll sein. Für Ärzte oft nicht © Syda Productions_Fotolia.com

Auch Bundesjustizminister Heiko Maas ist nicht überzeugt von den Plänen der Kasse. Insbesondere dürften die Kassen keinesfalls besondere Tarife anbieten, bei denen die Übermittlung von Daten aus Fitnesstrackern Bedingung ist. Niemand dürfe „faktisch dazu gezwungen werden, so intime Daten wie die Herzfrequenz, die Geschwindigkeit beim Joggen oder die Häufigkeit des Trainings im Fitnessstudio zu veröffentlichen“, mahnte Maas. 

Für Freizeitsportler seien Informationen, wie sie Fitnesstracker liefern, durchaus sinnvoll, meint er. Aber über die Daten müsse jeder „frei und selbstbestimmt“ entscheiden können. „Mit dieser Freiheit ist es nicht weit her, wenn Krankenkassen Tarifmodelle entwickeln, bei denen Sie den günstigen Tarif nur dann bekommen, wenn Sie einwilligen, dass Ihre kompletten Gesundheitsdaten ständig übermittelt werden.“

Allerdings hat offenbar auch das Bundesgesundheitsministerium durchaus Interesse an den Daten der Bürger. Bei einer Veranstaltung zum Thema Digitalisierung sagte Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz, es müssten gegebenenfalls Bedingungen geschaffen werden, „damit wir von Apps profitieren“. Der Datenschutz, beeilte sie sich zu sagen, stehe dabei natürlich an erster Stelle.

Bei den Ärzten herrschen unterschiedliche Meinungen, was das Sammeln solcher Daten angeht. Der Chef der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) etwa hat jüngst für die Digitalisierung geworben. Es gebe Smartphones und Smartwatches, mit denen schon heute komplette Herz-Kreislauf-Profile erstellt werden könnten. „Anstatt die Werte in der Praxis vom Arzt messen zu lassen, könnten die Geräte Blutdruck, Puls, Blutzucker und weitere Parameter zukünftig kontinuierlich messen und an den Arzt übertragen.“ Dies sei eine große Chance für den Versorgungsalltag. Allerdings müsste dafür auch die Qualität von Endgeräten und Apps besser geprüft werden.

Kritiker sehen die Daten aus Fitness-Apps allerdings eher als „Datenmüll“. Für Ärzte sinnvoll nutzbar seien sie kaum. Vor allem, weil vorwiegend junge, gesunde Menschen solche Fitnesstracker nutzten. Und die seien nun einmal kein Fall für den Arzt.

Apr 27, 2016, 10:45:36 AM, Autor: Kathrin Schneider / durchblick-gesundheit April-Juni 2016